„Freiheitsdenker, Freiheitskämpfer“ – Jan Fleischhauer eröffnet neue Veranstaltungsreihe in Brüssel

SPIEGEL-Kolumnist Jan Fleischhauer eröffnete die neue Veranstaltungsreihe der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit „Freiheitsdenker, Freiheitskämpfer“. Er präsentierte in Brüssel dezidiert „unlinke“ Ansichten zur Eurokrise. Fleischhauer outete sich gleich zu Beginn als Euro-Skeptiker, sagte aber auch, dass er natürlich keine Abwicklung der gemeinsamen Währung befürworte. Für einen selbsternannten Realisten wie ihn sei aber zumindest Skepsis angebracht, wenn derart viel Geld in die Hand genommen werde und kritische Argumente von Pathos überlagert würden.

Für SPIEGEL-Online schreibt Fleischhauer die wöchentliche Kolumne „Der Schwarze Kanal“. Wider den öffentlichen Meinungsstrom schwimmend, beschäftigt er sich darin auf „heiter pessimistische“ Weise mit Themen, die die Republik beschäftigen: Eurokrise und Einflugschneisen, Promi-Talk, Plagiatsaffairen und Pressemacht. In der aktuellen Diskussion rund um die Krise, bemängelte Fleischhauer, überlagere die ständige Produktion von Pathos die immer dünner werdenden Argumente. Unter dem Titel „Bis Deutschland die Nerven verliert“ kommentierte der SPIEGEL-Autor die aktuelle Politrhetorik und stellte bewusst politisch inkorrekte Überlegungen zu Mentalitätsunterschieden in Europa an.

„Lassen Sie mich meine Position gleich klar machen: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die vergangene Woche gebetet haben, das Verfassungsgericht in Karlsruhe würde der Bundeskanzlerin verbieten, mit deutschem Geld den Erhalt der Währungsunion zu finanzieren. Ich träume nicht von einem Deutschland in den Grenzen von 1991“, leitete Fleischhauer seine Ausführungen ein. “Anderseits bin ich Realist. Als solcher glaube ich auch nicht, dass man den Leuten nur genug Geld in die Hand drücken muss, und alles wird gut.“

Bei der Einführung des Euro habe man bestimmte wichtige Fragen einfach nicht gestellt – so etwa die Frage, was denn eigentlich passiere, wenn sich ein Land so verschulde, dass die Geldgeber Zweifel an der Kreditfähigkeit bekämen. Ein weiterer Geburtsfehler des Euro sei gewesen, sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu stecken, führte Fleischhauer weiter aus. „Sehr deutsch“, so der Journalist, sei der Glaube an die stabilisierende Kraft von Verträgen und Regeln. Mantrahaft werde derzeit in Deutschland wiederholt, man müsse nur in Sachen politische Union nachbessern und alles werde sich zum Guten wenden. Jedoch seien die Deutschen vergleichsweise allein mit ihrer Hoffnung, man müsse nur die hierzulande vertraute Stabilitätskultur in Europa verankern, und in der Folge würden alle langfristig etwas „deutscher“. Angesichts der offensichtlichen „Mentalitätsunterschiede“ in Europa sei diese Einschätzung schlicht naiv. Bereits heute sei zu beobachten, wie Alternativen zur deutschen Stabilitätskultur öffentlich erörtert würden, so etwa das Anwerfen der Notenpresse und die Flucht in die Inflation. Dabei werde die Inflationsangst der Deutschen als nationale Neurose abgetan.

Für die Zukunft des Euro entwarf Fleischhauer zwei Szenarien. Entweder man schaffe eine Transferunion und dehne damit den Solidarbegriff – mit dem die Deutschen ja bereits im Rahmen des Länderfinanzausgleichs Erfahrung hätten – auf die Eurozone aus. Ob so eine von oben verordnete und über die Staatengrenzen hinweg administrierte Solidarität Erfolg habe, müsse sich erst zeigen. Alternativ biete sich an, die Zusammensetzung der Mitglieder der Währungsunion zu überdenken. Aus liberaler Sicht lohne ein Blick zum Nachbarn USA. Die ökonomischen Unterschiede zwischen den amerikanischen Bundesstaaten seien wesentlich größer als die innerhalb Europas. Einen Bail-Out sehe das System jedoch nicht vor – niemand käme etwa auf die Idee, Kalifornien zu retten, wenn es bankrott gehe. Dennoch sei der Dollar seit über einem Jahrhundert stabil und eine Währungskrise zeichne sich nicht ab.

Die neue Reihe: „Freiheitsdenker, Freiheitskämpfer“

Freiheit erscheint heute vielen als etwas, das selbstverständlich ist. Dies verstellt den Blick davor, dass Freiheit immer in emanzipatorischen Prozessen erstritten werden muss. Die besondere Herausforderung für den Liberalismus liegt darin, den Wert der Freiheit an den Veränderungen und Gefahren unserer Zeit immer wieder neu herauszuarbeiten und zu demonstrieren. Die neue Veranstaltungsreihe des Dialogprogramms Brüssel der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit präsentiert daher Erzählungen vom Ringen um Freiheit vor verschiedenen historischen, politischen und sozialen Hintergründen. Anhand von persönlichen Geschichten zeigen wir, was individuelle Freiheit bedeutet, warum sie kein selbstverständliches Gut ist und was sie so wertvoll macht. In diesem Zusammenhang nehmen wir jene Freiheitsbegrenzungen, die die Bürgerrechtsbewegungen des 20. Jahrhunderts thematisiert haben und noch thematisieren – Klasse, Geschlecht, Ethnizität, Sexualität, Religion – in den Blick und berichten aus erster Hand von aktuellen Freiheitsbewegungen in verschiedenen Teilen der Welt.

Ellen Madeker