Freiheitskämpferin Necla Kelek über Frauenrechte im Islam, Beschneidung und den Kern europäischer Identität

IMG_2026 (Kopie)Necla Kelek, Publizistin und Trägerin des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, hat in Brüssel ihre Geschichte der Freiheit erzählt. Im Rahmen der Reihe „Freiheitsdenker, Freiheitskämpfer“ sprach sie mit Ellen Madeker über aktuelle Themen im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Religion. Kelek äußerte sich pointiert zur Stellung der Frau im Islam, zu Burkaverbot und Beschneidung, und philosophierte über den Wesenskern der europäischen Identität.

„Mich beschäftigen kulturelle Muster, die Macht der Umma als übergeordnetes soziales System, und der Einfluss, den diese auf die Lebenswelten der Menschen hat.“ So steckte die studierte Soziologin die analytischen Kategorien für ihre Überlegungen ab. Doch schon bald wurden ihre Ausführungen sehr konkret. Kelek erzählte, wie sie als Zehnjährige mit ihrer Familie nach Deutschland kam, „kein Wort“ Deutsch sprach, und dank einer sehr engagierten Lehrerin langsam aber sicher in die deutsche Gesellschaft einfand. Später forschte Kelek im Rahmen ihrer Promotion zur islamischen Religiosität und deren Bedeutung für die Lebenswelten von Schülerinnen und Schülern türkischer Herkunft. Eine Arbeit, die ihr, wie sie selbst sagt, die Augen für die Integrationsprobleme vieler Türkinnen und Türken öffnete.

IMG_2007 [iPhone]Den Islam beschrieb Kelek nicht nur als Religion, sondern auch als ein Frauen erniedrigendes Herrschaftssystem. Das Kopftuch, die Beschneidung von Jungen und (!) Mädchen und das Verheiraten der Söhne mit Töchtern aus der fernen Türkei bezeichnete die Autorin als Mechanismen, die der „kollektiven Selbstvergewisserung“ der Gruppe dienten. Im Islam verkörpere die Frau die Ehre der Familie, habe sich aber grundsätzlich unterzuordnen und das Haus zu hüten. Den Brüdern, Vätern und Onkeln komme entsprechend die Aufgabe zu, diese Ehre zu schützen und zu bewachen, was im Extremfall bereits zu so genannten „Ehrenmorden“ geführt habe. Die Frau im Islam werde systemisch aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen und habe unsichtbar zu sein. Das sei nicht nur rückständig, das grenze an Apartheid. Kelek: „Was ist das bloß für eine Religion, die es Frauen nicht erlaubt, in der Öffentlichkeit ihr Gesicht zu zeigen?“ Die Verschleierungspflicht für Frauen empfinde sie als erniedrigend. „Wir müssen grundsätzlich die Frage stellen, welche gleichberechtigte Teilhabe die Frauen in der Gesellschaft haben, auch wenn das heißt, die Religion zu hinterfragen und den Islam zu kritisieren.“

Der Islam in seinen vielen Facetten sei eben nicht nur Religion, sondern auch ein politisches Herrschaftssystem, das so, wie es sich derzeit in Deutschland ausgestalte, ein Hemmnis für Integration sei. „Aber in der Integrationsdebatte geht es nicht um Sushi oder Shisha, sondern um elementare Rechte und Freiheiten!“ Diese müssten stets gewahrt sein, und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Leider erwiesen sich Moscheen oft als Keimzellen einer Gegengesellschaft. Den Bau von Moscheen und Minaretten in deutschen Städten – der aus Gründen der Religionsfreiheit und aus Überlegungen zur Gleichbehandlung der Religionsgemeinschaften nicht nur zu rechtfertigen ist, sondern sogar geboten scheint – sah Kelek entsprechend kritisch. Es gehe hier nur vordergründig um die Freiheit der Religionsausübung, so die Publizistin. Im Hintergrund stünden eindeutige Machtansprüche eines durch und durch politisierten Islam.

Wie verträgt sich eine so portraitierte Religion mit Grundwerten der Demokratie und unseren Vorstellungen von gleichen Rechten und Freiheiten? Ist der Islam mit Europa kompatibel? Grundsätzlich ja, meinte Kelek. Aber die Muslime müssten sich selbst darum kümmern, dass Islam und Demokratie vereinbar werden und ihre Religion durch eine Art Aufklärungsprozess führen. Viele der muslimischen Regeln hätten mit dem Islam als Philosophie nichts zu tun. Die Muslime müssten diese Regeln von der Religion lösen, damit der Islam als Glaube gelebt werden könne. Dabei müsse der Glaube in einer säkularen Gesellschaft Privatsache sein und seinen allumfassenden Anspruch auf die Lebensgestaltung ablegen. Ein so verstandener Islam könne in Europa zuhause sein. Denn das Fundament europäischer Identität sei unser Wertekonsens, der auf dem gemeinsamen Verständnis von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit aufbaue.

IMG_2020 [iPhone]Die Leitmotive Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit deklinierte Necla Kelek entsprechend konsequent an aktuellen politischen Themen durch: Die Beschneidung nannte sie eine barbarische Tradition, die das elementare Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit ignoriere. Im Burkaverbot, wie es im Jahr 2010 in Belgien und Frankreich in Kraft trat, sah sie einen richtigen und wichtigen Schritt für die Befreiung der Frau von der Unterdrückung durch das islamische Patriarchat: „Als Muslimin verwahre ich mich dagegen, dass diese Frauen solch eine Verkleidung im Namen des Islam tragen. Es gibt dafür keine religiösen, sondern nur politische Begründungen.“

„Wer einmal Freiheit gespürt hat, vergisst sie nicht mehr“, diesen Titel hatte sich Necla Kelek für ihren Auftritt in Brüssel gewünscht. Diese Erkenntnis verkörpert die Islamkritikerin und Feministin sehr überzeugend. Dass sie selbst Türkin und bekennende Muslimin ist, und ihren Untersuchungsgegenstand so auch aus der Binnensicht kennt, macht sie dabei besonders glaubwürdig.

Ellen Madeker