Paqué: “Hoffnung auf einen tatsächlichen Reformkurs in Griechenland”

DSC_0116Nach der Verabschiedung des zweiten, für die Aufnahme von Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm obligatorischen Gesetzespaketes durch das griechische Parlament äußerte sich Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, stv. Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF), im Fernsehsender PHOENIX.

Als Ökonom und Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist der ehemalige Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt sehr an der Situation in Griechenland interessiert. Wiederholt besuchte er das Projektbüro der FNF in Athen, um sich vor Ort ein Bild von der Lage in Griechenland zu machen und mit Griechen über Sinn oder Unsinn von Austeritäts- und Reformmaßnahmen zu diskutieren.

>> Herr Prof. Paqué, wo hängt Ihrer Meinung nach das deutsche Griechenlandbild schief? Wie würden Sie das Land charakterisieren?

Paqué: “Griechenland ist ein weit entwickeltes Land, und gleichzeitig ein Land mit sehr großen strukturellen Problemen. Die Bevölkerung ist sehr gut ausgebildet, allerdings funktioniert der Staat nicht. Die Griechen leiden darunter, dass sie sich – was den Staat betrifft – auf nichts verlassen können. Wenn Griechen auswandern, sind sie für gewöhnlich recht erfolgreich, aber in ihrem eigenen Land sind sie gehemmt, ihr Potential zu entfalten.”

Paque EESGb>> Einige Minister der SYRIZA-Regierung erwecken den Eindruck, als ginge es bei dem Hilfsprogramm mehr um Stolz und Unterwerfung als um finanzielle Hilfen.

“Manches aus dem griechischen Parlament mag für deutsche Ohren in der Tat befremdlich klingen, wie die ständige Rede über Würde und das Fehlen einer klaren und konsequenten Nennung des Problems. Wenn das der Fall wäre, könnte auch pragmatischer nach einer Lösung gesucht werden. Aber wir – oder vielmehr die Griechen – kommen dem näher, das haben insbesondere die vergangenen Tage und Wochen gezeigt.”

>> Gibt es unter diesen Voraussetzungen überhaupt Aussicht auf Erfolg?

“Durch die Gründung einer Art „Nationale Notstandskoalition“ unter Beteiligung von Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten, die den Kurs von Tsipras unterstützen, hat eine grundlegende Veränderung stattgefunden. Tsipras hat damit eine beachtliche Machtposition und ist weiterhin sehr beliebt, auch wenn wir Deutschen dies aufgrund seiner Rhetorik gelegentlich nicht verstehen können. Er muss diese Macht nun ausnutzen, um das Land auf einen Mittelweg zu führen und Reformen zu ermöglichen. Dabei wird es zu einer Spaltung seiner Partei kommen, das wird unvermeidlich sein, aber damit wird er leben können, solange die „Nationale Notstandskoalition“ zusammenhält. Das sollten wir positiv begleiten.”

Paque EESGa>> Glauben Sie, dass uns in den vergangenen Wochen und Monaten ein Stück weit das Verständnis für die Probleme Griechenlands abhanden gekommen ist? Wie kann dem entgegengewirkt werden?

“Wir müssen uns in Europa noch mehr füreinander interessieren, damit wir irgendwann einmal wirklich zusammenwachsen. Noch vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Deutsche gebannt griechische Parlamentsdebatten verfolgen. Dass sich Deutschland nun so stark mit Griechenland beschäftigt, ist zumindest ein Anfang für mehr gegenseitiges Verständnis.”

Markus Kaiser
Pictures: FNF Greece