Standort Terror: Warum Belgien? 

Polizeistelle im Problemviertel Molenbeek, umgeben von Stacheldraht.
Polizeistelle im Problemviertel Molenbeek, umgeben von Stacheldraht. Copyright: Andrea Kaiser

Die mörderischen Anschläge von Paris wurden offenbar nicht in Frankreich, sondern im Großraum Brüssel logistisch vorbereitet. Als Schlüsselfigur kristallisiert sich der gebürtige Molenbeeker Abdelhamid Abaaoud heraus, der der Brüsseler Polizei bereits 2011 gemeinsam mit dem in Paris getöteten Attentäter Brahim Abdeslam aufgefallen war. Abaaoud gilt auch als Kopf der Terrorzelle im belgischen Verviers, die im Januar nach den tödlichen Angriffen auf die französische Satirezeitschrift “Charlie Hebdo” ausgehoben wurde. Dabei wurden zwei potenzielle, aus Molenbeek stammende Attentäter inmitten ihres Waffenarsenals getötet. Abaaoud konnte wahrscheinlich nach Syrien entkommen.

Auch zwei weitere Terrorakte wurden zuletzt von Belgien aus organisiert: Im Jahr 2014 griff der französische Islamist Mehdi Nemmouche das Jüdische Museum in Brüssel an; vier Personen kamen dabei ums Leben. Es stellte sich heraus, dass der Täter den Angriff von seiner Molenbeeker Wohnung aus geplant hatte. Und der Ende August im Thalys überwältigte Attentäter stieg in Brüssel in den Zug Richtung Paris.

Immer wieder führen also die Spuren nach Molenbeek. Molenbeek, dessen Bevölkerungszahl in den vergangenen Jahrzehnten von 70.000 auf fast 100.000 angestiegen ist, zählt unter den 19 Gemeinden der Brüsseler Hauptstadtregion zu jenen mit dem höchsten Ausländeranteil. Offiziell hat nur ein Viertel einen ausländischen Pass, viele der überwiegend aus Marokko stammenden Einwanderer haben jedoch von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die belgische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Die Ghettobildung in Molenbeek ist weit vorangeschritten. In manchen Straßenzügen hat der Anteil der Bevölkerung mit, vor allem maghrebinischen, „Migrationshintergrund“ achtzig Prozent erreicht.

Molenbeek zählt auch zu den Brüsseler Gemeinden mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Fast jeder Dritte hat keinen Job. Bei den Jugendlichen beträgt die Arbeitslosenquote sogar 45 Prozent. Armut und Isolation prägen den Alltag der Menschen. In der belgischen Tageszeitung „De Standaard“  erklärt der  Terrorismus-Experte Montasser Al De’emeh: „Die jungen Menschen verbringen hier viel Zeit zusammen auf der Straße, das stärkt das Miteinander. Dieser gesellschaftliche Zusammenhalt hat aber einen Nachteil:  Wenn einer radikalisiert wird, wächst die Gefahr, dass andere sich auch radikalisieren.“ Es ist auch kein Geheimnis, dass vor allem die große Brüsseler Mosquée du Cinquantenaire bereits seit rund 30 Jahren – mit großzügigen Mitteln aus Saudi-Arabien unterstützt – offensiv radikale Varianten des Salafismus und Dschihadismus predigen lässt.

Die liberale Bürgermeisterin Molenbeeks Françoise Schepmans, beklagt dass ihre Gemeinde in der Vergangenheit einen „fruchtbaren Nährboden“ für radikale Islamisten geboten habe. Erst seit ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren arbeite man verstärkt daran, den Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken. Der belgische Premierminister Charles Michel erklärte nach den Anschlägen von Freitag, er wolle schnellstmöglich „Problemmoscheen in Molenbeek schließen“. Von hier  sind  rund 30  Personen nach Syrien ausgereist, um sich dort dem IS anzuschließen. Insgesamt gingen aus Belgien inzwischen rund 500 Kämpfer nach Syrien, pro Kopf der Bevölkerung erheblich mehr als aus jedem anderen Land Europas. Die belgische Regierung versucht,  die Ausreise  radikaler Muslime nach Syrien zu stoppen und Rückkehrer zu überwachen. In Städten wie Antwerpen oder Mechelen waren diese Bemühungen erfolgreich, in Molenbeek dagegen nicht. Vielmehr hat sich hier der Konflikt zwischen Bevölkerung und Polizei hochgeschraubt. Die Polizei kann sich dort zunehmend nur eingeschränkt frei bewegen, Polizeiwagen werden teilweise regelrecht verjagt.

Die belgische Sicherheitsarchitektur ist die große Achillesverse des Landes. Allein die belgische Hauptstadt ist in 19 Gemeinden und sechs Polizeibezirke aufgeteilt, was bedeutet, dass Informationen über radikalisierte Muslime an unterschiedlichen Stellen auftauchen: bei den Sicherheitsbehörden, der föderalen Polizei, dem Wehrnachrichtendienst, den lokalen Polizeibezirken und  den Zollbeamten. Eigentlich sollten diese Informationen über einen Austauschmechanismus („Joint Information Box“) geteilt werden, aber  der  Abgeordnete Stefaan van Hecke beklagt, dass nicht alle Dienste bereitwillig ihre Information teilen.  Ein belgischer Terrorismusexperte weist außerdem darauf hin, dass die föderale Struktur Belgiens die Planung von  Anschlägen in Belgien vereinfacht, da der Informationsfluss durch die zahlreichen Verantwortungsebenen unterbrochen wird. Zudem leidet vor allem die Polizei in Molenbeek an Unterfinanzierung. Anders als in Antwerpen gibt es in Molenbeek auch keine Taskforce, die die  unterschiedlichen Einheiten zusammenbringt, um radikalisierte Rückkehrer aus Syrien im Auge zu behalten.

Molenbeeks Probleme, wie mangelnde Integration, Isolation und hohe Arbeitslosigkeit gibt es auch in anderen Städten Westeuropas. Allerdings profitieren Terroristen in Belgien von den komplexen Strukturen, den überlappenden Verantwortungsbereichen und der fehlenden Kommunikation innerhalb und zwischen Polizei und Sicherheitsbehörden, die eine effektive Zusammenarbeit unmöglich machen.

Håvard Sandvik, European Affairs Manager FNF
Håvard Sandvik,
European Affairs Manager
FNF