Arbeiten im „bedrohten Paradies“ 

Grebenhof

Weltweit geraten Journalisten vermehrt unter Druck und Deutschland stellt dabei keine Ausnahme dar. So stieg hierzulande im letzten Jahr nicht nur die Anzahl der Übergriffe auf Journalisten, auch der allgemeine Ton ist rauer geworden seit der Begriff „Lügenpresse“ ein trauriges Comeback feiert. Doch wie ist es eigentlich um die Medienfreiheit in Deutschland bestellt?

Am Internationalen Tag der Pressefreiheit sprach Caroline Haury, Programmmanagerin des Europäischen und Transatlantischen Dialogs, für freiheit.org mit Wolfgang Grebenhof, Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV).

Im letzten Jahr gab es vermehrt Übergriffe auf Journalisten, im Internet hetzen Nutzer offen gegen Medienvertreter. Dazu kommen Affären wie jene im Fall Netzpolitik oder ganz aktuell die Causa Böhmermann. Wie sicher sind Journalisten in Deutschland in ihrem Arbeitsalltag?

Für Kolleginnen und Kollegen weltweit, die ihre Gesundheit und teilweise sogar ihr Leben riskieren, um ihren Beruf auszuüben, muss Deutschland wie das Paradies wirken – aber es ist ein bedrohtes Paradies. Wir stellen fest, dass Kolleginnen und Kollegen auch hier unter erschwerten Bedingungen arbeiten.

Bei den Pegida-Demonstrationen ist es in den letzten Monaten sehr häufig zu tätlichen Angriffen auf Journalisten gekommen. Es gibt Fernsehteams und Redaktionen, die nur noch in Begleitung von Sicherheitspersonal zu diesen Demonstrationen gehen, weil zu befürchten ist, dass Journalisten dort körperlich angegriffen werden oder dass die technische Ausrüstung zerstört wird. Verbale Angriffe gibt es ohnehin, aber dagegen entwickelt man mit der Zeit ein dickes Fell.

Die Polizei ist bei diesen Demonstrationen damit beschäftigt, die allgemeine Situation im Griff zu behalten. Sie müssten die Presse, die einen verfassungsrechtlichen Auftrag hat, natürlich schützen, doch sie kann es teilweise nicht und schaut auch weg, wie man in unserem Blog Augenzeugen immer wieder nachlesen kann.

Oft beruht solches Verhalten auch auf Unkenntnis, gerade bei jungen Beamten, die offensichtlich nicht gut genug geschult sind. Daher sind wir auch in Gesprächen mit der Polizeiführung, um die Polizisten für ihren Einsatz noch besser zu wappnen.

Zum Glück sind das in Deutschland noch Ausnahmefälle, aber wir müssen wachsam sein, dass die generell guten Rahmenbedingungen für Journalistinnen und Journalisten gewahrt bleiben.

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Welchen Einfluss hat der Vorwurf der „Lügenpresse“ auf die Selbstwahrnehmung und die Arbeit von Journalisten?

Solche Vorwürfe nagen am Selbstbewusstsein und man macht sich natürlich seine Gedanken und fragt sich: Was machen wir falsch?

Es gibt eine Gruppe an Menschen, die wir einfach nicht mehr erreichen. Dazu kommt, dass Online-Plattformen Menschen in ihrer vorgefertigten Meinung eher noch bestärken. Die Algorithmen von Facebook und Co. schlagen immer wieder Berichte vor, die gut in das vorhandene Meinungsbild passen. Ein Bericht, der nicht in dieses Weltbild passt, wird nicht mehr als andere Sicht der Dinge wahrgenommen, sondern es heißt dann gleich „der Journalist berichtet tendenziell oder falsch“.

Wie wir solche Menschen erreichen, wird in den Redaktionen landauf und landab sehr viel diskutiert.

Wichtig ist, dass wir mit den Leuten sprechen, dass wir rausgehen, auch zu den Menschen, die sich alleingelassen und von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Journalismus findet zur Zeit leider sehr oft am Schreibtisch statt oder am Telefon, aber nicht draußen bei den Leuten.

Das ist natürlich auch ein Problem der personellen Kapazitäten. Eine der großen Herausforderungen wenn es darum geht mediale Vielfalt in unserem Land zu sichern, ist die personelle Ausstattung von Redaktionen. Wir brauchen die Manpower und Womanpower, um mit den Leuten zu reden, nicht über sie.

Trotz allem befindet sich Deutschland im weltweiten und europäischen Vergleich immer noch unter den Ländern, in denen ein besonders hoher Grad an Medienfreiheit herrscht. Wie können wir dafür sorgen, dass das so bleibt?

Wir müssen dafür sorgen, dass Journalismus finanzierbar bleibt. Gerade im Printbereich leiden die Verlage unter Auflagen- und Anzeigenrückgängen. Sie haben es aber nicht geschafft, im Internet gleichzeitig ein Zusatzgeschäft aufzubauen und Einnahmen zu generieren. Dadurch wird es schwerer als früher, guten, aufwendigen Journalismus zu finanzieren. Gerade in der digitalen Welt gibt es so viele Möglichkeiten wie nie zuvor – aber wir müssen in der Lage sein, sie auch auszuschöpfen.

Das ist auch ein Appell an die Verleger, nicht immer nur auf die Gewinnmarge zu schielen, sondern die Qualität der Berichterstattung in den Mittelpunkt zu stellen. Dass das möglich ist, dafür gibt es in jüngster Zeit viele Beispiel, zum Beispiel die Enthüllungen des Rechercheverbundes  Süddeutsche Zeitung, WDR und NDR. Wenn investigativer Journalismus wie dieser nicht mehr möglich wäre, dann wäre auch die Demokratie zum Scheitern verurteilt.