Digitalisierung der Schule in Norwegen – auf die Kommunen kommt es an

Norwegen als Vorreiter für die Digitalisierung des Schulunterrichts? Welche Erfahrungen machen die Norweger mit der Digitalisierungswelle? Wie ermöglicht man Lehrerinnen und Lehrern Prozess und Inhalte mitzugestalten? Der europapolitische Referent der Stiftung für die Freiheit in Brüssel Håvard Sandvik sprach hierüber mit Iselin Nybø, der schulpolitischen Sprecherin der liberalen Venstre im Norwegischen Parlament.

Iselin-Nybø
Abgeordnete Iselin Nybø. Copyright: Rogaland Venstre

Norwegen wird oft als Vorreiter bei der Digitalisierung in der Bildung gesehen. Wie sieht das heutige digitale Angebot für den durchschnittlichen norwegischen Schüler aus?

Ob Norwegen tatsächlich eine Vorreiterrolle hat, hängt sicher vom Standpunkt des Betrachters ab. Wir haben zwar bereits frühzeitig digitale Kompetenzen als Ziel in den nationalen Lehrplan aufgenommen. Aber dennoch hat das norwegische Schulsystem sicher nicht mit der Digitalisierung der Gesellschaft Schritt gehalten. So gehen wir Online, um Antworten auf jedwede Fragen zu finden und Smartphones ermöglichen ihren Nutzern schnelle und zuverlässige Antworten auf die meisten Herausforderungen des Alltaglebens. In der Schule aber, so zeigen Studien, wird digitales Rüstzeug immer noch zu wenig eingesetzt und genutzt. Das hängt damit zusammen, dass die Mehrheit unserer Lehrerinnen und Lehrer nicht die nötigen die Fähigkeiten hat, ICT fachlich gewinnbringend anzuwenden.

Venstre, die liberale Partei Norwegens, strebt nicht nur eine moderne Schule an, sondern auch gut qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer. Welche digitalen Werkzeuge brauchen die Lehrer denn, um ihren Schülern einen besseren Schulalltag zu ermöglichen?

Ich meine, die Lehrpläne müssen verbessert werden. Dazu müssten Textdatenbanken digital einfacher zugänglich sein. Es müsste ein nationales Portal für digitale Lehrmittel geben, in dem digitale Lehrmittel sowohl norwegischer als auch internationaler Anbieter abgerufen werden können. Schulen könnten sich daran orientieren und digitale Lehrmittel preiswert einkaufen. Diese müssten aber vor Einstellung in einem solchen Portal auf Qualität geprüft wurden. Eine ähnliche Datenbank könnte Lehrern und Schülern Zugang zu aktualisierten und vielfältigen Informationsquellen für sämtliche Fächer und Lehrstufen sichern. Venstre ist es zu verdanken, dass das Fortbildungsangebot für Lehrer durch die aktuelle Regierung verstärkt wurde. Im Rahmen dieses Angebotes muss nun auch sichergestellt werden, dass Lehrer die Möglichkeit haben, digitale Fähigkeiten auszubauen.

In Norwegen hängt die Digitalisierung in der Schule allerdings oft von den Kommunen ab, da diese die Schulträger sind und sie auch finanzieren. Das bedeutet, dass die Budgetprioritäten der kommunalen Politiker entscheiden, ob und wieviel an digitalem Fortschritt den Schulen zu Gute kommt. Manchmal geht es einfach darum, für Wifi in der Schule zu sorgen, aber auch um größere Budgetposten wie den Einkauf von Laptops und anderer Hardware.

Schließlich plädiere ich für Programmierung als Schulfach. Wir brauchen künftig Schüler, die nicht nur wissen, wie sie digitale Werkzeuge nutzen können, sondern auch wie diese funktionieren werden.

Gibt es auch Beispiele dafür, dass die Digitalisierung an norwegischen Schulen zu weit gegangen ist? Besteht die Gefahr, dass Schüler mehr Interesse an ihren digitalen Werkzeugen zeigen, als für die Materie, die gerade unterrichtet wird?

Ich kenne keine Einzelgeschichten, aber mit jeder Art Experiment gibt es gute und schlechte Erfahrungen. Als im Jahr 2000 an norwegischen Schulen Laptops eingeführt wurden, gab es unterschiedliche Meinungen darüber. Entscheidend ist die Autorität und Autonomie der Lehrer. Sie müssen frei entscheiden können, wann es angebracht ist, Smartphones, I-Pads oder andere Geräte im Klassenzimmer einzusetzen oder aber auch die Nutzung dieser Geräte zu verbieten.