FNF Greece: Ein neues Leben am Rand von Europa – Flüchtlinge in Griechenland

Jeder kennt vermutlich das beunruhigende Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Wenn die eigenen Instinkte die Kontrolle übernehmen, ist rationales Denken kaum mehr möglich. Es ist kein schönes Gefühl, soviel ist sicher.

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Khalid und ich im Mai 2016

Als ich im Mai 2016 erstmals „Kara Tepe“, das größte Flüchtlingslager auf Lesbos, betrat, war dies ein solcher Moment. Überwältigt von dem Elend, der Verzweiflung und konfrontiert mit der eigenen Machtlosigkeit, wollte ich nur noch eins: weg hier. Doch das war nicht möglich. Eine Menschentraube umlagerte mich, redete auf mich ein und flehte um Antworten, um Hilfe – und letztlich darum, endlich einmal angehört zu werden. Wenige Wochen zuvor war die Balkanroute geschlossen worden und 60.000 Flüchtlinge waren in Griechenland gestrandet, mehrere zehntausend von ihnen auf den griechischen Inseln. Allein in Mytilene, der beschaulichen Inselhauptstadt mit 25.000 Einwohnern, saßen zwischenzeitlich 30.000 Flüchtlinge fest. Von Europa hatten die meisten der Lagerinsassen nicht mehr gesehen als die wenigen staubigen Straßenkilometer vom Schlauchboot ins Camp.

Khalid, ein junger Syrer, hatte sich meiner angenommen und half mir, das Mischmasch aus Englisch, Arabisch und dem Wehklagen der Frauen zu verstehen. Ohne ihn wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen, und das nicht nur sprachlich. Khalid war studiert und es kam mir vor, als sei er der Einzige unter den tausenden von Menschen, der verstehen würde, warum es in Europa des Öfteren länger dauert mit der Entscheidungsfindung, und dass eine Einigung zwischen Staaten manchmal in faulen Kompromissen mündet. „Demokratie eben, immer noch besser als Assad“, war sein lapidarer Kommentar. Treffender hätte man es nicht formulieren können.

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Der Lagerplan von “Kara Tepe”

„Warum mussten wir unser Leben riskieren, um hier wie Tiere gehalten zu werden?“, „Wo kann ich meinen Ehemann wiederfinden?“, „Werde ich eine Zukunft in Europa haben?“. Ich wusste es nicht. Und ich schämte mich dafür, nicht in der Lage zu sein, diesen Menschen Hoffnung zu geben. Da stand ich verloren in meinem Anzug zwischen Menschen, deren gesamtes Hab und Gut in einen Rucksack passte, und versuchte, ihnen Europa zu erklären. „Ich kann nichts für euch tun, ich kann nur eure Geschichte weitergeben“, wurde zu meiner Standardantwort. Nach zwei Stunden im Flüchtlingslager ging ich verstört zurück in mein Hotel. Khalid ging zurück in sein Sechs-Mann-Zelt, das er mit neun anderen Männern teilte.

Akzeptanz auf beiden Seiten

Als ich im Oktober nach „Kara Tepe“ zurückkehre, richte ich mich mental bereits darauf ein, ausweichende Antworten zu geben, denn nichts Substantielles hat sich im vergangenen halben Jahr geändert: die Grenzen sind noch immer dicht, die Umsiedlung von Flüchtlingen geht mehr als schleppend voran, und von Kontingenten zur Verteilung von Asylsuchenden scheint die Europäische Union weiter entfernt zu sein als je zuvor.

Die meisten der Menschen, mit denen ich im Mai gesprochen habe, müssten immer noch im Camp leben, da sie vor Inkrafttreten des „EU-Türkei-Deals“ Lesbos erreicht hatten und deshalb nicht in die Türkei abgeschoben werden dürfen. Ein weiteres halbes Jahr in Ungewissheit, mit schlechtem Essen und in Zelten ohne Fußböden – ich richte mich auf das Schlimmste ein.

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Stavros Mirogiannis (re.) sorgt für Ordnung und Moral

Zu meiner Überraschung hat sich die Atmosphäre in „Kara Tepe“ komplett gewandelt. Niemand scheint sich für mich zu interessieren. Es kommt mir vor, als besuchte ich ein Dorf, das zwar aus Zelten besteht, sich ansonsten aber nicht großartig von anderen Siedlungen unterscheidet: man wäscht Wäsche, trinkt gemeinsam Tee und diskutiert das Weltgeschehen, während die Kinder um die Zelte rennen und Räuber und Gendarm spielen.

„Wir haben hier eine Atmosphäre des Miteinanders geschaffen“, erläutert Stavros Mirogiannis. Er ist Direktor des Lagers, nennt sich aber lieber „Captain Camp“. Stavros ist eines der Gesichter der Flüchtlingskrise. Vom ersten Tag an holte er Menschen aus dem Wasser. Als er irgendwann die vielen Toten nicht mehr sehen konnte, ließ er sich ins Flüchtlingslager versetzen, das er seitdem zwar mit harter Hand, aber immer auch mit einer Portion Menschlichkeit leitet.

„Unsere Bewohner haben realisiert, dass sie auf absehbare Zeit in Griechenland bleiben werden“, sagt Stavros. „Und wir versuchen, ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen.“ Dass ein solches Leben nicht allein an der Höhe der finanziellen Mittel liegt, die einem zur Verfügung stehen, ist nirgendwo ersichtlicher als im armen Griechenland. „Wir haben beispielsweise die zentrale Essensausgabe abgeschafft“, erzählt Stavros. „Früher mussten sich die Flüchtlinge wie Bittsteller in einer Schlange anstellen und ihr Essen abholen. Jetzt gehen wir von Tür zu Tür und fragen nach, ob die Familie bereits gegessen hat oder ob sie etwas benötigt. Es sind oft die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen.“

Auch im Moloch Athen gibt es erste Anstrengungen, Flüchtlinge zu integrieren. Beide Seiten mussten sich hier aufeinander zu bewegen: Für die Neuankömmlinge dauerte es eine Weile, ihre Träume von Deutschland, Österreich oder Schweden aufzugeben und sich mit der oft tristen Realität in Griechenland zu arrangieren. Für die Griechen dauerte es, Flüchtlinge nicht nur als temporäres, vorbeiziehendes Phänomen zu begreifen, sondern als neue Mitbürger, die vorerst im Land verbleiben werden.

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Moawia Ahmed (li.) leitet eines der ersten Athener Flüchtlingsheime

„Wir versuchen, Flüchtlinge so gut es geht in unser Viertel zu integrieren“, sagt Moawia Ahmed, ein gebürtiger Sudanese, der seit dreißig Jahren in Griechenland lebt und nun Leiter eines Athener Aufnahmezentrums ist. „Die Lehrer der benachbarten Schule geben nachmittags ehrenamtlich Vorbereitungskurse für Flüchtlingskinder, damit diese in drei Monaten den normalen Unterricht gemeinsam mit griechischen Schülerinnen und Schülern besuchen können. Es ist beeindruckend, wie schnell sich Kinder integrieren.“

Die griechische Bürokratie kann einen ein ums andere Mal um den Verstand bringen; das Gute an Griechenland ist aber, dass es irgendwann auch unbürokratisch läuft. So stellte die Stadt Athen ein altes innerstädtisches Krankenhaus zur Verfügung, das freiwillige Helfer in Rekordzeit zu einem Heim für 450 Menschen umbauten. Ob Türen oder Vorschriften: Was nicht passte, wurde passend gemacht. Bezuschusst durch den UNHCR hat das „Welcommon Refugee Center“ vor einer Woche seine Arbeit aufgenommen.

Der UNHCR hat zudem jüngst seine neuesten Zahlen zur Flüchtlingskrise veröffentlicht. Bis zum 26. Oktober kamen in diesem Jahr 169.459 Menschen in Griechenland an, 151.452 davon jedoch von Januar bis Ende März, also vor Inkrafttreten des Türkei-Abkommens am 20. März. Dennoch harren nach wie vor über 15.000 Menschen auf den Inseln aus, deren Kapazität mit 8.085 angegeben wird. Von den „irregulären Migranten“ – also denjenigen, die nach dem 20. März in Griechenland ankamen – ist ein Großteil interniert und muss täglich mit der Abschiebung rechnen. Für sie hat sich der Traum von einer besseren Zukunft in Europa erledigt, bevor er überhaupt begonnen hat.

Was aus Khalid und seinen Träumen geworden ist, kann mir niemand mehr sagen.

Markus Kaiser ist Projektmanager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit für Griechenland.

Fotos: FNF Greece