„Alles und nichts kann jetzt passieren“ – Frühstück zu den US-Wahlen 

election-breakfast_1Der Schock saß noch tief, denn gerade erst war Donald Trump zum Gewinner der US-Wahlen erklärt worden und seine erste Rede als President-elect lief über den Bildschirm. Wie konnte das passieren? Was nun? waren die Fragen, die sich die Gäste beim “Morgen danach”-Frühstück der Stiftung für die Freiheit und des German Marshall Funds stellten.

Wie konnte das passieren?

Verschiedene Erklärungen wurden für den unerwarteten Wahlsieg herangezogen. An eine erste Einschätzung wagte sich Sandrine Dixson-Declève von “Democrats Abroad”, der Auslandsgruppe der amerikanischen Demokratischen Partei in Brüssel. Man habe afro-amerikanische und hispanische Wähler nicht in ausreichenden Zahlen an die Wahlurne bekommen, um für Hillary Clinton zu stimmen, erklärte sie. Es sei höchste Zeit für eine neue Sprache im Wahlkampf, die die Menschen begeistere. Außerdem müsse man neue Wege in der Meinungsforschung finden, um die Wähler und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen.

election_breakfast_2“Wir sollten nicht so überrascht tun”, sagte Politico-Journalist David M. Herszenhorn. Schon bei den Vorwahlen hätten die Medien sich geirrt und das Phänomen Trump unterschätzt. “Wir, die Medien, haben den Wählern nicht zugehört”, zeigte er sich selbstkritisch. “Die Amerikaner mögen es nicht, wenn so getan wird, als ständen Ergebnisse von vorneherein fest.” Auch Bernie Sanders habe von diesem Effekt profitiert.

Die Frage, ob Amerika einfach noch nicht bereit sei für eine weibliche Präsidentin, stelle sich im Fall Clinton nicht. “Hillary Clinton war und ist nicht einfach irgendeine Frau”, sagte Herszenhorn über die Kandidatin, die seit Jahrzehnten auf dem Politparkett unterwegs ist und durch den immer wieder aufflammenden Email-Skandal sowie die Aktivitäten und Finanzierung der Clinton Foundation negative Schlagzeilen gemacht hatte.

Was nun?

“Wir sind auf dem Weg in ein neues Zeitalter in der Politik”, äußerte sich die besorgte Sandrine Dixson-Declève von “Democrats Abroad”. Gesundheitsreform, Handelsbeziehungen, Pariser Klimavertrag – vieles stehe nun auf dem Spiel. Hiddo Houben von der Europäischen Kommission war sich sicher, dass man auch beim Thema TTIP umdenken müsse.

Trumps Unberechenbarkeit wurde zum Leitthema der Diskussion. Seine Außenpolitik im Mittleren und Nahen Osten? Seine Beziehungen zu Russland? Seine Haltung gegenüber den Muslimen? Antworten vermochte niemand zu geben.

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Einzig Herszenhorn von Politico wagte sich an eine Einschätzung: Trump könne sich nicht als Anführer der ganzen Welt aufspielen, sodass auch die Beziehungen zu Russland nicht so einfach würden, wie im Vorfeld der Wahl propagiert. Zu regieren sei eine komplett andere Sache als Wahlkampf zu machen, erklärte er. Gleichzeitig sei es an der Zeit für Europa, eigene Antworten auf Fragen zur Sicherheitsarchitektur und zum Wirtschafts- und Finanzsystem zu entwickeln und nicht nur zum amerikanischen Nachbarn zu schauen.

Die Trump-Präsidentschaft also als Chance für Europa? – eine Lesart, auf die sich die Referenten durchaus einigen konnten. In jedem Fall handele es sich beim 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten um eine „Wild Card“, wie die Amerikanerin Jan Allen bemerkte. Alles und nichts könne jetzt passieren.