„Ungewissheit über die Zukunft bestimmt derzeit die Stimmung“

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Source: Descrier

Ein Aufruhr ging durch Großbritannien als der High Court vor wenigen Wochen dem Parlament ein Mitbestimmungsrecht in Sachen Brexit einräumte. Unter- und Oberhaus sollen demnach über die Aktivierung von Artikel 50 abstimmen. Premierministerin Theresa May beeilte sich, klarzustellen, dass dies nichts an ihrem Plan ändere, im März den Brexit-Prozess einzuleiten. Gleichzeitig ging die britische Regierung in Berufung gegen das Urteil. Die Entscheidung des Supreme Court wird für Januar erwartet. Im Interview erklärt Sir Graham Watson, ehemaliger Präsident der ALDE-Partei und Abgeordneter des Europaparlaments, welchen Einfluss die Gerichtsentscheidung auf die Verhandlungen haben könnte und wie die Liberal Democrats auf den Brexit-Prozess einwirken können.

English version below.

 

Was passiert, wenn der Supreme Court in seinem Urteil bestätigt, dass das Parlament bei der Aktivierung von Artikel 50 mitentscheiden darf? Kann der Brexit am Ende doch noch verhindert werden?

Das ist unwahrscheinlich. Es gibt wahrscheinlich eine Mehrheit im Unterhaus zugunsten des Brexit, da viele Labour-Abgeordnete zusammen mit den Anti-EU-Tories dafür stimmen werden. Allerdings muss auch das Oberhaus zustimmen und unter den Lords gibt es derzeit keine Mehrheit für den Brexit.

 

Was passiert also? Vielleicht ein Brexit, der an bestimmte Bedingungen geknüpft ist (z.B. ein Referendum oder eine Abstimmung im Parlament über das endgültige Ausstiegs-Paket). Vielleicht auch Neuwahlen, die dann vor allem zum Thema Brexit ausgetragen werden. Es ist unwahrscheinlich, dass die britische Regierung vor dem Europäischen Gerichtshof in Berufung gehen würde. Wie stabil ist Theresa Mays Regierung nach den Brexit-Diskussionen der vergangenen Wochen und dem Urteil des High Court? Könnte es zu Neuwahlen kommen und welche Ergebnisse wären dann zu erwarten?

Die Regierung hat eine Mehrheit von 16 Stimmen im Unterhaus und kann daher als stabil betrachtet werden. Allerdings gibt es Spannungen zwischen den Brexit-Verfechtern, die einen harten Ausstieg aus der EU wollen, und jenen, die einen weicheren Ausstieg bevorzugen. Die Premierministerin scheint nicht sonderlich gut darin zu sein, diese Spannungen aufzulösen.

Daher können vorgezogene Neuwahlen, durch die May ihre Position festigen könnte, nicht ausgeschlossen werden. Wenn dann auch noch der Supreme Court das Urteil des High Court bestätigt, werden vorgezogene Wahlen noch wahrscheinlicher. Die Konservativen würden wahrscheinlich gewinnen, da die Opposition in einem schlechten Zustand ist.

Übrigens, wenn es zu Neuwahlen käme, wäre ich der Kandidat der Liberal Democrats gegen den führenden Brexiteer Dr. Liam Fox, MP.

 

 

Wie ist die generelle Stimmung in Großbritannien fünf Monate nach dem Referendum? Welche Rolle spielen die Medien in den Diskussionen um den Brexit?

Ungewissheit über die Zukunft bestimmt derzeit die Stimmung – einige Regionen sind besorgt. Die Medien sind gespalten; es gibt jene, die versuchen, den Brexit-Prozess zu beschleunigen und solche, die die wirtschaftlichen Folgen des Brexit fürchten.

Der beste – vielleicht der einzige – Kompromiss wäre, die EU zu verlassen, aber im Binnenmarkt zu bleiben. Dennoch drängen die Anti-Europäer auf einen harten Brexit und der wirkt zurzeit immer wahrscheinlicher.

 

 

Welche Art von Brexit wollen die LibDems? Gibt es für sie neue Chancen, auf den Brexit-Prozess einzuwirken, wenn die Rolle des Parlaments gestärkt wird?

Die LibDems hoffen, dass sie den Brexit noch verhindern können und werben dafür, dass das Parlament den Brexit in einer Abstimmung ablehnen sollte. Aber wir sind leider nicht mehr so stark wie früher. Wir haben nur noch acht LibDems-Abgeordnete im Unterhaus.

Mehr Einfluss, um gegen den Brexit vorzugehen, liegt im Oberhaus. Dort könnten die LibDems und andere Lords Bedingungen in den Gesetzesentwurf einfügen, der die Aktivierung von Artikel 50 erlauben soll.

Eine positive Entwicklung gibt es aber: Die Mitgliederzahlen der LibDems sind seit dem Referendum deutlich angestiegen und die Partei erzielt in lokalen Wahlen und Nachwahlen die besten Werte seit zwanzig Jahren.

Der Brexit wird aber leider mit großer Wahrscheinlichkeit kommen. Die am wenigsten schlechte Option wäre, wenn Großbritannien zumindest im Binnenmarkt bliebe.

 

 

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Sir Graham Watson; Copyright: ALDE Party

 

 

What should we expect if the Supreme Court confirms Parliament’s role in triggering Article 50? Is there a chance that Brexit can be prevented after all?

Unlikely. There is probably a majority in the House of Commons in favour of Brexit since many Labour MEPs will join the anti-EU Tories. However the House of Lords must also agree, and there is no majority for Brexit in the Lords. Outcome? Perhaps a Brexit subject to certain conditions (eg. a referendum or parliamentary vote on the final package); perhaps a General Election fought on the Brexit issue. Unlikely the UK government would appeal to the European Court of Justice.

How stabile is Theresa May’s government after the Brexit deliberations of the past weeks and the High Court’s judgment? Are there chances that early elections will be called and what results would be expected?

The government has a working majority of 16 votes in the House of Commons and can therefore be considered stable. However tensions are emerging between the hardline Brexiteers and those seeking a softer exit and the Prime Minister does not appear highly skilled in managing these tensions. So an early general election – through which she could re-assert her authority – cannot be ruled out. If the Supreme Court upholds the ruling of the High Court, an early election seems more likely still. The Conservatives would probably win, since the official opposition is in a mess; but it could become a Brexit election, endangering their majority.
Higher than before. And if they are I will be the Liberal Democrat candidate against leading Brexiteer Dr Liam Fox MP.
 

What is the general mood in the UK five months after the referendum? What role do the media play in the deliberations on Brexit? Which kind of Brexit would people like to see in the different parts of the country?

The mood is one of uncertainty – even apprehension, in some quarters – about what the future holds. The media is divided between those who want to force the pace on Brexit and those who fear the economic consequences. The best, perhaps the only, compromise would be to leave the EU but stay in the single market. But the anti-Europeans are pushing for a hard Brexit and that seems the most likely.
 

Which kind of Brexit are the LibDems envisioning? How might they use the opportunity of a strengthened role for Parliament in the Brexit process?

 There are only 8 LibDem MPs in the House of Commons. Former leader Nick Clegg
is the spokesperson on Brexit. The MPs will almost certainly vote against it. The greater opportunity for effective opposition lies in the House of Lords, where LibDem and other Lords might insert conditionality into the Bill permitting the invocation of Article 50 TFEU.

The LibDems hope to prevent Brexit and are campaigning for a vote in Parliament to reject it. But our strength is very much reduced.

 

 

Has the party in general profited from a boost of membership or support of pro-Europeans after the referendum? What would then be an ideal Brexit package for the Lib Dems?

The LibDem membership has grown considerably since the referendum and the party is already performing better in local and national by-elections than at any time in the last twenty years.

Regrettably Brexit will probably happen. There is no ideal Brexit package for the LibDems. But the least bad option would be for the UK to remain in the single market.

 

 

 

Caroline Margaux Haury arbeitet als European Affairs Manager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Brüssel.