Sharing Economy: Hype oder unaufhaltsame Zukunftsbranche? 4 Perspektiven

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„Sharing is caring“ heißt es in einer englischen Redewendung; doch Kritiker der Sharing Economy lassen sich von diesem optimistischen Credo nicht überzeugen. Kurze Autofahrten, die über die App UBER organisiert werden, oder Wohnungen, die man über die Plattform Air BnB mietet, sind ihnen ein Dorn im Auge. Dabei steht im Mittelpunkt der Kritik selten der eigentliche Fahrer des Autos oder der Besitzer der Wohnung. Vielmehr geht es um die Internetplattformen, die diese Services vermitteln. Bei einer Diskussionsrunde der Stiftung für die Freiheit kamen Befürworter der Sharing Economy, Plattformvertreter und Kritiker zusammen und gaben vier Perspektiven auf die Sharing Economy.

 

Aus der Perspektive der Gesetzgeberin

Die Europaabgeordnete Dita Charanzova stellte heraus, dass sich die Konsumenten im digitalen Zeitalter verändert hätten und dass aus diesem Grund einige traditionelle Geschäftsmodelle nicht mehr so funktionierten wie in der Zeit vor dem Smartphone. „Die Sharing Economy wird vom Konsumenten vorangetrieben“, erläuterte sie. Besondere Bedeutung hätten dabei die Bewertungen, die Nutzer heute im Internet und in Apps abgeben könnten. Mit einer solchen Bewertung könne man heutzutage große und kleine Unternehmen massiv schädigen – oder ihnen den größten Geschäftserfolg ermöglichen.

Dies sei ein völlig neues Machtgefüge im Sinne des Verbrauchers, dass man durch voreilige Regulierung hemmen würde. Stattdessen solle man der Branche Zeit geben, sich zu entwickeln und der Politik Zeit geben, besser zu verstehen, wie die unterschiedlichen Akteure auf diesem Markt zusammenspielen. Bei der Regulierung sollte dann ganz klar ein gemeinsamer europäischer Ansatz gewählt werden, anstatt eine zersplitterte Gesetzeslandschaft zu erhalten, wie sie heute besteht.

 

Aus der Perspektive von UBER

Roland Werner, Head of Government Affairs & Policy DACH bei UBER, brachte ein Beispiel aus der Praxis, um zu beleuchten, warum die Regulierung mancher Berufe und Branchen heute nicht mehr zeitgemäß seien. So müsse ein Taxifahrer in Berlin eine Prüfung ablegen, in der er 800 Straßen auswendig kennen muss – und das in Zeiten, in denen sich jeder andere Autofahrer auf Navigationsgeräte verlässt. Und die Technik biete noch viele weitere Vorteile, die die Taxibranche positiv verändern könnten. So wies er zum Beispiel darauf hin, dass jede Fahrt, die über die App gebucht werde, automatisch registriert würde. Dies brächte nicht nur mehr Sicherheit für Fahrer und Nutzer, sondern auch eine Automatisierung der Versteuerung, die vielerorts immer noch das Problemkind der Taxibranche sei.

Zudem brächte UBER eine enorme Flexibilität für die Fahrer mit sich, die in der modernen Gesellschaft von besonderer Bedeutung sei. Jeder könne arbeiten wann und wie viel er wolle. Auch die Hürden für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt seien durch Plattformen der Sharing Economy gering. Gleichzeitig verwies er darauf, dass UBER nur eine Plattform sei, nicht der Anbieter von Fahrten. Um diese Interpretation gibt es jedoch seit dem Aufkeimen der Sharing Economy Streit – vor allem von Seiten des Verbraucherschutzes.

 

Aus der Perspektive des Verbraucherschützers

Grundsätzlich sah auch Guillermo Beltrá vom europäischen Verband der Verbraucherschutzzentralen BEUC in der Sharing Economy durchaus großes Potenzial. Der Konsument werde in der Sharing Economy zum „Prosument“, er könne also seinen Besitz wie ein Auto oder eine Wohnung einfach zur Verfügung stellen und somit eine neue Rolle im Markt einnehmen. Ein Verbot der Sharing Economy sei daher möglichst zu vermeiden. Er warnte, dass die Sharing Economy den Graben zwischen jenen, die an das Internet und seine modernen Technologien angeschlossen sind und jenen, die außen vor bleiben, vergrößerte. Auch die Bezahlmöglichkeiten per Kreditkarte seien noch so einseitig, dass sie bestimmte Konsumenten systematisch von der Nutzung der Services ausschlössen.

Für den Verbraucherschützer stellte sich aber vor allem die Frage, welche Rolle im Markt Plattformen wie UBER spielen und welche Verantwortung sich daraus ergibt. Wer ist z.B. verantwortlich, wenn es zu einem Unfall kommt? Der Fahrer oder die Plattform UBER? Diese Beziehung sei derzeit nicht klar geregelt und der Konsument habe nicht genügend Informationen, um sein Risiko angemessen einzuschätzen. Beltrá zeigte sich offen dafür, den EU-Verbraucherschutz an die neue Realität anzupassen, also z.B. UBER zu verpflichten, dass Fahrer versichert sein müssen. Auch das Arbeitsverhältnis zwischen Anbietern von UBER-Fahrten und der Plattform sei nicht klar geregelt. Man befinde sich derzeit in einem Grenzmodell.

 

Aus der Perspektive des Think Tankers

Maté Hajba, Direktor des ungarischen Think Tank Free Market Foundation und verantwortlich für die Publikation 4Liberty Review zum Thema Sharing Economy, verwies auf die menschliche Dimension der Sharing Economy, die allzu oft in Vergessenheit gerate, sobald über Regulierung gesprochen wird. So erzählte er die Geschichte eines UBER-Fahrers, der Geld sparte für die Hochzeit seiner Tochter, und die überraschten Mitfahrer nicht um ein Trinkgeld, sondern um eine 5-Sterne-Bewertung bat, damit er noch mehr Aufträge bekäme. „Wir haben in der Sharing Economy eine Art neuen Rohstoff erschaffen, und zwar die Bewertung“, sagte Hajba. Wer wäre früher schon einfach in ein Auto eingestiegen, ohne dass ein Taxischild es als vertrauenswürdig ausgewiesen hätte? Die Sharing Economy schaffe eine neue Art Vertrauen zwischen Konsumenten und Anbietern.

Man dürfe aber nicht vergessen, dass Unternehmen der Sharing Economy auch eine Menge persönlicher Daten sammelten und vor Hackerangriffen nicht verschont blieben. Gleichzeitig verwies Habja darauf, dass noch nicht alle Menschen von der Sharing Economy profitierten und diese bisher eher ein städtisches Phänomen sei. „UBER ist in Ungarn nur in Budapest tätig, das heißt auf dem Land war es den Menschen egal, als die Regierung den Service für illegal erklärt hat.“ Man müsse mehr Aufklärungsarbeit leisten und wohl einfach etwas Geduld mitbringen. Denn die weitere Entwicklung der Sharing Economy könne man zwar verlangsamen, aber nicht stoppen.

 

 

Caroline Haury arbeitet als European Affairs Manager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Brüssel.