Tschechien: V4-Musterknabe mit Potential

Prague

Die Tschechische Republik erobert sich langsam die vorderen Ränge in den meisten Vergleichsindices der Welt. Sie gilt als glückliches, sicheres und mit hoher Lebensqualität ausgestattetes Land. Seit neuestem ist Tschechien – überaschenderweise – sogar auf Platz 5 des Nachhaltigkeitsindex der Vereinten Nationen gelandet. Das ist bemerkenswert, denn so weit hat es dort noch kein Transformationsland des ehemaligen Ostblocks gebracht. Trotz solcher Erfolgsmeldungen steht Tschechien noch vor vielen Aufgaben. Es muss einfach moderner werden.

 

Die Tschechische Republik ist in Sachen “nachhaltiger Entwicklung” laut den Vereinten Nationen Nummer 5 in der Welt und lässt die übrigen Länder der Region deutlich hinter sich. Das ist eines der Ergebnisse des neuen Nachhaltigkeitsindex der VN. Die langfristigen Nachhaltigkeitsziele der VN gibt es seit 2015. Der Index basiert auf 17 verschiedenen Kriterien, betreffend Armut, Bildung, Gesundheitswesen, Wachstum, Gleichberechtigung, Arbeitsbedingungen und saubere Energien.

Die vier führenden Länder sind übrigens, was eher nicht überraschend kommt, die Dauerspitzenreiter aller Weltindices, die skandinavischen Staaten. Die übrigen 5 Plätze unter den Top 10 wurden an Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und Slowenien vergeben. Das Ergebnis für die übrigen Visegrad-Staaten fiel erwartungsgemäß schlechter aus: Polen auf Platz 27 , die Slowakei auf 23 und Ungarn auf 18.

 

 

Die Nachhaltigsten von allen?

Im Gegensatz zur allgemeinen Erwartungshaltung, dass Nachhaltigkeit mit einer liberalen Wirtschaftsordnung nicht vereinbar sei, zeigt sich bei Tschechien, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Wie der Index für Wirtschaftsfreiheit zeigt, hat sich das Land in den letzten Jahren in Sachen Marktwirtschaft von Platz 59 (2010) auf Platz 31 im letzten Jahr verbessert. Solides Wachstum und atemberaubende Vollbeschäftigung waren die Folge.

Das erklärt, warum in Tschechien die VN-Nachhaltigkeitskriterien beim Kampf gegen Armut zu 99,7% erfüllt werden. Das betrifft auch Gesundheitswesen, Wasserversorgung, gute Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum. Schwächen sieht man allenfalls noch bei Gleichberechtigung –  Männer verdienen rund 22% mehr als Frauen, Mängeln im Bildungssystem und der Nutzung sauberer Energien.

Aller Wirtschaftsfreundlichkeit zum Trotz bescheinigt der Index den Tschechen leider auch, dass sie noch einiges tun müssen, um Innovationen in Industrie und Infrastruktur zu verbessern. Hier fand sich der schwächste Punkt in der Bilanz Tschechiens.

 

 

Tschechien auf dem Weg nach oben

Insgesamt scheint es mit Tschechien also nach oben zu gehen. Das sagen auch andere internationale Vergleichsstudien. Im Weltfriedensindex belegt das Land Platz 6 – was deutlich besser ist als in den anderen Visegrad-Ländern, wo Ungarn auf Platz 15, die Slowakei auf Platz 26 und Polen auf Platz 33 liegen (Deutschland liegt auf Nr. 16!).  Auf dem Glücksindex der VN liegt Tschechien auf Platz 23 und damit ebenfalls deutlich vor den anderen V4-Staaten.

Im Index der Lebensqualität liegt Tschechien auf Rang 22 von 128. Die tschechische Gesundheitsvorsorge, die politischen Rechte, die Redefreiheit und die innere Sicherheit – sie alle liegen über dem Durchschnitt in der Region. Da gibt es allerdings einen Haken. Beim Subkriterium zur Toleranz gegenüber Ausländern liegt das Land nur auf Platz 112.

 

 

Liberales Land, konservative Menschen

Und da ist auch der Haken an der Sache. Tschechiens erfolgreiche WIrtschaftspolitik kommt an ihre Grenzen, was ihren “Nachhaltigkeitserfolg” vielleicht schon bald in Frage stellen kann. Das Land verfolgt eine rigide Anti-Immigrationspolitik, angefeuert durch eine xenophobe Stimmung gegen Asylanten. Das macht sich bereits jetzt schmerzlich bemerkbar. Firmen müssen Aufträge ablehnen, weil sie keine qualifizierten Arbeitskräfte mehr finden. Liberale Wirtschaftspolitik und konservative Gesellschaftspolitik passen eben nicht wirklich zusammen.

Ja, die Zahlen besagen, dass sich Tschechien besser entwickelt als die meisten Nachbarländer. Aber es gibt noch Dinge, die das Land noch von den weiter entwickelten Ländern des Westens und der EU trennt.

Bevor die Tschechen zu echten “Global Playern” werden, müssen sie weltoffener werden, das heißt, weniger konservativ, aber liberaler und moderner. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht noch nicht, dass die Zukunft des WIrtschaftswachstums (wenn es denn nachhaltig sein soll) in modernen Technologien, Digitalisierung, Start-ups, gleichen Verdienstchancen für Frauen und moderner Umwelttechnik liegt. In diesem Kontext sind Firmen, die an Arbeitskräftemangel leiden und Aufträge ablehnen, weil das Land sich vor Einwanderung fürchtet, kein gutes Omen.

Tschechien fährt zur Zeit wirtschaftlich besser als andere, nicht wegen, sondern trotz seiner Politik. Es ist ein Land, dessen Staatsapparat den niedrigsten Digitalisierungsgrad und schlechtesten rechtlichen Bedingungen für neue Start-ups aufweist.  Die Tschechische Republik ist ein Land der Widersprüche, aber auch ein Land mit großem Potential. Sobald die Tschechen ein wenig weltoffener werden, ihre Angst vor dem Unbekannten ablegen und sich eine modernere Denkart zulegen, kann dieses Potential in einen Riesenerfolg umgewandelt werden.

 

 

Adéla Klečková

Project Manager FNF Prague