Sommer, Sonne, Sonderfall

Greece Bruce Harlick
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Die griechische Tourismusbranche jubelt über Rekordumsätze. Mit 30 Millionen Urlaubern wird in diesem Jahr gerechnet – fast dreimal so viele Menschen, wie Griechenland Einwohner hat. Ist der Jubel gerechtfertigt? Wohl eher nicht, denn der Run auf Griechenland beruht weniger auf modernen, fortschrittlichen Tourismuskonzepten, sondern ist vielmehr der Instabilität vieler Mittelmeeranrainer geschuldet. Insbesondere die Türkei fällt aus politischen Gründen in diesem Sommer für viele Urlauber als Destination aus.

 

Pantelis Georgiou kann seine Freude kaum verbergen. „Die Auslastung unseres Hotels in diesem Jahr ist vorzüglich“, frohlockt der Hotelier auf der Kykladen-Insel Paros. Er könne sich an keinen Sommer erinnern, in dem die Geschäfte ähnlich gut gelaufen seien wie in diesem Jahr. Ob er in dieser Saison denn irgendetwas anders gemacht hätte als die Jahre zuvor? Der 63-Jährige überlegt kurz, dann verneint er. Die Gäste seien von ganz alleine gekommen.

Ob auf Paros oder anderswo: Der griechische Tourismussektor erlebt 2017 ein Rekordjahr. Am Ende der Saison werden rund 30 Millionen Urlauber das südeuropäische Land mit seinen 10 Millionen Einwohnern besucht haben. Laut einer Analyse des „World Travel & Tourism Council“ wird die Reisebranche in diesem Jahr rund 14 Milliarden Euro in die griechischen Kassen spülen. Rechnet man branchennahe Dienstleister und Lieferketten vor Ort mit ein, zeichnet der Tourismus sogar für bis zu 35 Mrd. Euro bzw. 20% des griechischen Bruttoinlandsproduktes verantwortlich. Verglichen mit den Einschnitten, die Griechenland im Juni 2017 für eine Kredittranche von „lediglich“ 8,5 Mrd. Euro über sich ergehen lassen musste, erscheint dieser Betrag wie leicht verdientes Geld.

 

Aufschwung ist nicht von langer Dauer

Dass aus diesen positiven Zahlen jedoch ein dauerhafter Trend erwächst, glaubt kaum ein Grieche. Denn obwohl das Land unlängst – und nicht zuletzt auf Druck der europäischen Partner – einige Stellschrauben justierte, liegt noch immer vieles im Argen. Zwar wurde der nationale Luftverkehrsmarkt für den Billiganbieter Ryanair geöffnet und die Fraport AG erhielt die Konzessionen für vierzehn griechische Regionalflughäfen. Auch investierten griechische Reedereien verstärkt in superschnelle Fähren, mit denen selbst entfernte Inseln wie Kreta innerhalb weniger Stunden von Piräus aus erreicht werden können. Die Krux hingegen liegt – wie so oft in Griechenland – bei den staatlichen Rahmenbedingungen.

Anfang August sah sich die griechische Vereinigung der Reeder von Fahrgastschiffen zu einem Hilferuf genötigt: Kaum einer der sich in öffentlicher Hand befindlichen Häfen könne die erhöhte Nachfrage in diesem Sommer bedienen, da seit Jahren nicht in die Infrastruktur investiert worden sei. „Fast neunzig Prozent der griechischen Häfen sind problematisch“, schätzt Michalis Sakellis, Präsident des Reederverbandes. „Die unzureichende Infrastruktur behindert Wachstum und schlägt sich auf die Kosten nieder.“ Auch die griechische Nationalbank schätzt, dass jährliche Mehreinnahmen von fünf Mrd. Euro durch den Tourismus möglich wären, wenn der Staat in Infrastruktur investieren und die staatliche Tourismusbehörde auf eine Verlängerung der Urlaubssaison hinwirken würde.

Bei den Beschäftigten der Branche wird von dem diesjährigen Boom sowieso kaum etwas ankommen. Insbesondere im Tourismussektor werden viele Angestellte häufig illegal beschäftigt. Um die Kosten weiter zu senken, werden albanische oder bulgarische Wanderarbeiter eingesetzt, die keinerlei Rechte für sich geltend machen können. Griechische Gewerkschaften schätzen, dass sich lediglich ein Prozent aller griechischen Hotels an Tarifverträge hält. Diese Verträge gelten sowieso nur für Mitglieder von Hotelvereinigungen. Die größte Hoteliervereinigung Griechenlands auf Kreta löste sich deshalb auf Betreiben ihrer Mitglieder vor Kurzem selbst auf.

 

Beschäftigte spüren wenig vom Tourismus-Boom

Doch selbst wenn Hoteliers die Gesetze befolgen, gibt es genügend Schlupflöcher, um Arbeitskosten zu sparen. So werden gut ausgebildete Fachkräfte häufig als ungelernte Arbeiter zu einem Mindestlohn von 586 Euro eingestellt. Wer unter 25 Jahre alt ist, bekommt höchstens 500 Euro, da zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit 2012 der Mindestlohn für junge Menschen ausgesetzt wurde. Wird man als Praktikant deklariert, dann ist bei 200 Euro Monatsgehalt Schluss. Viele der Beschäftigten in der Tourismusbranche werden spätestens im Oktober auf die Straße gesetzt und müssen bis Mai des nächsten Jahres von dem leben, was sie im Sommer zurücklegen konnten. Arbeitslosengeld wird maximal für drei Monate gezahlt, eine darüber hinausgehende Grundsicherung gibt es in Griechenland schon lange nicht mehr.

„Wir erleben einmal mehr, wie Regeln schlicht nicht eingehalten oder semi-legal umgangen werden“, sagt Michael Iakovidis vom „Greek Liberties Monitor“. „Zudem ist der Einfluss von Interessengruppen nach wie vor sehr hoch, sodass die wenigsten an das Gemeinwohl denken.“ So werden nötige Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Verbänden nicht zum Wohle der Vertretenen, sondern häufig ideologisch ausgefochten. Auf den Punkt brachte diese Mentalität Vasilis Alexizopoulos, Chef der Luftfahrtgewerkschaft Osypa, der die Übernahme griechischer Regionalflughäfen durch Fraport um jeden Preis verhindern wollte: „Ich bin öffentlicher Angestellter. Niemand kann mich oder meine Kollegen zwingen, für eine Privatfirma zu arbeiten.“ Das Fraport-Engagement, das bereits für Ende 2015 vorgesehen war und millionenschwere Investitionen mit sich bringen sollte, konnte so bis April 2017 hinausgezögert werden. Zuletzt hatte sich das griechische Gesundheitsministerium als Betreiber von Flughafenkrankenwagen quergestellt.

Pantelis Georgiou wird das Beste aus der unerwartet hohen Zahl ausländischer Touristen machen. Er wird ein bisschen was zurücklegen für schlechtere Zeiten, Modernisierungen hat er vorerst aber nicht vorgesehen. „Griechenland ist nicht nur ein Land von Kleinunternehmern, sondern inzwischen auch eines der am höchsten besteuerten Länder der EU“, sagt der Familienunternehmer. „Von welchem Geld sollen wir denn bitteschön etwas investieren?“.

 

 

 

Markus Kaiser ist Projektmanager Griechenland der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.