Ferienende heißt demonstrieren gehen

Grzegorz_Zukowski
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Mit dem Beginn des neuen Schuljahres tritt in Polen die umstrittene Schulreform der nationalkonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Kraft. Durch die Abkehr der dreistufigen Schulform zu einer zweistufigen werden etwa 7500 Mittelstufenschulen geschlossen und rund 9000 Lehrer entlassen. Außerdem werden die neuen Lehrpläne umgestaltet, um den „Nationalstolz“ der Schüler zu stärken.

 

 

Mit dem Schulstart an diesem Montag versammelten sich in Polen Hunderte von Lehrern und Eltern vor dem Bildungsministerium, um gegen die von der nationalkonservativen Regierungspartei PiS verordnete Bildungsreform zu protestieren. Damit begannen und enden nun die Sommerferien in Polen mit Demonstrationen, die von der großen, regierungskritischen Lehrergewerkschaft ZNP unterstützt werden. Der ZNP gehören rund drei Viertel der Lehrer in Polen an.

Die am 4. September in Kraft getretene Schulreform schafft etwa 7500 Gymnasien ab, die bisher die Klassen sieben bis neun abdeckten. Das ehemals dreigliedrige Schulsystem wurde von der konservativen Regierung um Ministerpräsident Jerzy Buzek im Jahre 1999 eingeführt, um das polnische Schulsystem an das westeuropäischer Länder anzugleichen.

 

Die Schulreform der PiS-Regierung sieht nun ein zweigliedriges System vor, in dem die Schülerinnen und Schüler bis Klasse 8 auf die Grundschule gehen und anschließend vier Jahre lang das Lyzeum besuchen. So werden viele Schüler nun zurück in die Grundschulen geschoben und Abitur machen sie an Oberstufen- und Fachschulen.

 

Da die Lehrkräfte der abgeschafften Gymnasien in der Grundschule schwer einsetzbar sind, fallen den Strukturänderungen auch rund 9000 Lehrer zum Opfer, denen mit der Abschaffung der Gymnasien Jobverlust oder deutliche Reduzierungen ihres Stundenkontingents drohen. Außerdem werden in den erweiterten Grundschulen die Posten der Schuldirektoren neu besetzt. Die Kritiker der Reform fürchten, dass diese Neubesetzungen politisch motiviert sind. Daher demonstrieren sie jetzt wieder auf den Straßen dafür, dass Ideologie vor Kompetenz gesetzt werden muss.

 

So ist die Schulreform auch ein weiterer Schritt der ideologischen Vereinheitlichung von Politik und Gesellschaft – so wie es schon an anderer Stelle (etwa bei den öffentlichen Medien) vorangetrieben wurde.

 

Das neue Schulmodell, das viele an die sozialistische Volksrepublik Polen erinnert, wird auch wegen der ideologischen Umgestaltung der Lehrpläne kritisiert. Geschichtsunterricht  soll  PiS-Politikern zufolge den “Nationalstolz” der Schüler festigen und deren “Liebe zum Vaterland” stärken. Zu der Schullektüre gehören nun nicht mehr die Werke des französischen Schriftstellers Molière oder des Polen Czeslaw Milosz; Polens EU-Beitritt wird in den Geschichtsbüchern nur nebenbei erwähnt und die Evolutionstheorie spielt im Biologieunterricht kaum noch eine Rolle. Dagegen wird für die wichtigen Persönlichkeiten der polnischen Geschichte wie Papst Johannes-Paul II oder Physikerin Marie Sklodowska Curie mehr Platz in den Geschichtsbüchern reserviert. Es wird auch mehr Geschichts-, Religions- und Polnisch-Unterricht geben –  auf Kosten der Fremdsprachen und Naturwissenschaften.

 

Obwohl Polen in den letzten Jahren in den Pisa-Tests Spitzenplätze erreicht hat, schätzt die PiS-Regierung  die Lernerfolge und die Chancengleichheit, die die dreistufige Schulform bot, als mangelhaft und gering ein. Bildungsministerin Ana Zaewska verteidigt die Reform mit dem Argument, sie verbessere die finanzielle Ausstattung der Schulen und führe zu kleineren Klassen.

 

Trotz der weitverbreiteten Kritik an der Bildungsreform, die in einer knappen Million Unterschriften für ein Referendum resultierte, bleibt die nationalkonservative PiS-Regierung bei ihrem harten Kurs. Das Parlament schmetterte den Antrag von betroffenen Eltern und Lehrern kurzerhand ab und die polnische Premierministerin Beata Szydlo sagte am ersten Schultag, dass der Startschuss für die „gute Schule“ gefallen sei. Dass die Demonstrationen jetzt noch etwas verändern können, daran glaubt kaum mehr jemand.

 

 

Toni Skorić ist Projektmanager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit für Mitteleuropa und die Baltischen Staaten.