Ich, der Robotroll

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„Robotrolling“ raubt IT-Sicherheitsexperten weltweit den Schlaf, denn sogenannten Twitter-„Botkonten“, die automatisch Inhalte zu ausgewählten Themen generieren, sind zu einem der nützlichsten Werkzeuge in der Verbreitung russischer Propaganda geworden. Eine Studie des NATO-Exzellenzzentrums für strategische Kommunikation zeigte nun, dass über 80 Prozent der russischsprachigen Tweets und fast die Hälfte der englischsprachigen Tweets über die NATO-Präsenz in Osteuropa durch Botkonten generiert werden, die den Kreml unterstützen.

 

Zwei von drei Twitter-Nutzern, die über die NATO-Präsenz in Osteuropa auf Russisch schreiben, sind keine Menschen, sondern Roboter. Die so genannten “bot accounts” sind künstlich erstellte Konten, die Inhalte zu einem bestimmten Thema in der vom Ersteller gewählten Sprache generieren. Diese Konten machen auf Twitter etwa 84% aller russischsprachigen Botschaften über die NATO-Präsenz in Osteuropa in Estland, Lettland, Litauen und Polen aus.

Bei den englischsprachigen Inhalten ist die Zahl nicht ganz so alarmierend, aber durchaus ebenfalls besorgniserregend. Eins von vier aktiven Twitter-Konten ist ein Botkonto; durch diese werden etwa 46% aller englischsprachigen Inhalte über die NATO-Präsenz in den baltischen Staaten und Polen generiert.

Von den vier Staaten (Estland, Lettland, Litauen und Polen), die das NATO-Exzellenzzentrum für strategische Kommunikation analysierte, ist diese Art der Propaganda vor allem auf Estland und Lettland ausgerichtet.

 

Estland und Lettland im Fadenkreuz der Bots

Vor allem Estland betreffende Themen standen in diesem Jahr bislang bei den Bots hoch im Kurs. So wurde am häufigsten über die Ankunft der britischen Truppen gepostet sowie über die Verlegung von U.S.-Kampfjets F35 nach Europa und eine Reihe militärischer Übungen. Darüber hinaus erhöhte das Eindringen eines russischen Militärflugzeugs in den estnischen Luftraum Anfang Mai die Aktivitäten der Botkonten, und auch Lettland ist ein beliebtes Thema. Automatisch generierte Inhalte über Lettland konzentrierten sich auf die „Summer Shield“-Militärübungen und die Ankunft der kanadischen Truppen.

Litauen taucht in den Posts der Botkonten nicht ganz so oft auf wie die anderen baltischen Staaten. Der Beginn der NATO-Übung „Steadfast Cobalt“ im Mai sowie zwei Zwischenfälle mit NATO-Truppen im Juni sorgten aber auch dort für eine Menge an Kommentaren. Auch Polen wurde vergleichsweise selten erwähnt.

 

Der russischsprachige Twitter-Raum

Der russische Twitter-Raum folgt einem anderen Schema als der Rest der Welt. Hier steht die Zusammenarbeit zwischen Konten im Mittelpunkt, denn Dutzende von ihnen posten gleichzeitig einen identischen Inhalt auf Twitter.

Ein weiterer bemerkenswerter Faktor der russischen Twitter-Botkonten ist ihre Kontinuität. Während die englischsprachigen Botkonten, die in gleichem Maße aktiv sind, schon nach ein paar Wochen oder Monaten gelöscht werden, existiert die Mehrheit der russischen Botkonten seit 2011-2012. Ihre höchst aktive Kommunikation ist also bereits seit mehr als fünf Jahren Teil der Netzdebatte.

Eine der möglichen Erklärungen dafür ist, dass die Administratoren von nicht-englischen sozialen Netzwerken ihrer Verantwortung nicht nachkommen, solche Konten zu löschen.

In einer Welt, in der autoritäre Staaten wie China, die Türkei oder Russland die inländischen Medien mit Propaganda füttern, könnten die sozialen Medien eigentlich eine alternative Plattform für den Zugang zu Informationen bieten. Doch diese Möglichkeit verspielt Twitter, wenn die Anzahl der Falschmeldungen die der unverfälschten Inhalte übersteigt.

 

Adéla Klečková ist Projektmanagerin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit für Mitteleuropa und die Baltischen Staaten.