Alles im Wandel: Wie finanzieren wir Journalismus im digitalen Zeitalter?

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Es gehört zum Wesen der Medien, dass sie mit dem Zeitgeist gehen und sich ständig selbst neu erfinden. Seit der ersten Zeitung – der im 17. Jahrhundert erschienenen „Relation“ – bis zur Nachrichten-App von heute ist viel geschehen: Formate, Geräte, technische Innovationen, Herausforderungen und Chancen für die Medien kamen und gingen. Warum erscheint uns die Digitalisierung also als besonders bahnbrechend, als wegweisend und schicksalsentscheidend für die Medienlandschaft und den Journalismus?      

„Die Digitalisierung hat die Medienlandschaft gar nicht so sehr umgekrempelt, wie es oft dargestellt wird“, argumentiert David Domingo, Professor für Journalismus an der Université Libre de Bruxelles, im Rahmen einer Veranstaltung der European Federation of Journalists und der FNF zur Finanzierung der Medien in Zeiten der Digitalisierung. „Journalisten erfüllen ja immer noch die gleiche Aufgabe wie zuvor: sie informieren ihr Publikum“, ergänzt der Wissenschaftler. Dennoch könne man natürlich Unterschiede zu früher sehen, so seien etwa die Prozesse im Journalismus beschleunigt worden, es gebe mehr Akteure, die Inhalte produzieren und das klassische Finanzierungsmodell durch Anzeigen sei zusammengebrochen.

Neue Jobs erfordern neue Kompetenzen

Mehr Tempo, mehr Produzenten und ein bröckelndes Geschäftsmodell sind mitunter auch die Hauptursachen für Phänomene wie Fake News und Clickbaits und in der Konsequenz auch ursächlich für die unter dem Begriff „Lügenpresse“ zusammengeschimpfte, diffuse Medienkritik der sich Journalisten in ganz Europa stellen müssen. Doch wie sehen Journalisten die Zukunft ihrer Zunft? Während der Finanzkrise habe es eine regelrechte Panik gegeben, erklärte Anna-Maria Wagner vom Deutschen Journalisten Verband, „heute ist die Debatte wieder um einiges positiver.“ Doch die neuen Jobs im digitalen Journalismus seien schlechter bezahlt, sagt sie.

Auf eine andere Herausforderung weist dagegen Juliane Leopold hin, die als Beraterin unter anderem digitale Strategien für tagesschau.de entwickelt. Für sie stehe vor allem die „mobile disruption“, also die Veränderung der Medienlandschaft durch das Smartphone im Mittelpunkt. „Dadurch entstanden für Verleger jede Menge Möglichkeiten, doch viele haben diese Flexibilität nicht genutzt.“ Das Publikum verbringe heute 50 Minuten am Tag auf Facebook, lese durchschnittlich aber nur 5 Minuten Zeitung. Man brauche also vor allem viel mehr Videojournalisten, doch das Personal sei lange nicht entsprechend geschult gewesen.

Mehr Akteure finanzieren Journalismus

Dabei muss als Konsequenz der Digitalisierung nicht nur das Berufsbild des Journalisten überdacht werden. Auch die Verleger stehen unter Druck seitdem viele Inhalte kostenlos online zugänglich sind. Doch genauso vielfältig wie heute das Angebot an Online-Journalismus ist, so bunt ist auch der Strauß an Finanzierungsmöglichkeiten. Neben den typischen Einnahmequellen aus Anzeigen und Abonnements finanzieren heute auch neue Akteure journalistische Projekte, zum Beispiel Stiftungen, die Stipendien, Preise oder Grants vergeben.

Allerdings sicherten diese Engagements keinen langfristig angelegten Journalismus, sondern seien immer nur auf einzelne Projekte ausgelegt, erklärt Anna-Maria Wagner vom DJV. Diese neuen Finanzierungsmöglichkeiten seien also wichtige Ergänzungen, könnten aber nicht die einzige Finanzierungsgrundlage des Journalismus sein.

Von links nach rechts: Anna-Maria Wagner (DJV), David Domingo (ULB), Juliane Leopold (Digitalexpertin), Caroline Haury (Moderatorin)

Journalismus-Professor David Domingo ist daher überzeugt, dass der wichtigste Ansatzpunkt für einen nachhaltig finanzierten Journalismus die Reinvestition von Gewinnen ist. Dies könne zum Beispiel durch neue, nicht auf Rendite angelegten Organisationsformen geschehen, etwa durch Stiftungen oder Not-for-Profit-Organisationen, denen Medien gehören. Er schlägt sogar vor, diese Unternehmen von Steuerbefreiungen profitieren zu lassen, was journalistische Produkte weiter in Richtung öffentlicher Güter rücken würde.

Die „Community“ birgt neue Finanzierungsquellen

Ein weiterer innovativer Ansatz in diesem Kontext ist das sogenannten „Community-building“. Dabei bilden sich um bestimmte Medien Gemeinschaften, deren Interesse es ist, das Produkt zu fördern, etwa durch eine bezahlte Mitgliedschaft oder durch Spenden. In diesem Kontext hebt Journalismus-Experte Domingo „The Marshall Project“ hervor, eine U.S.-amerikanische Online-Plattform, die sich komplett über Spenden finanziert und über Entwicklungen im amerikanischen Justizsystem berichtet.

In Deutschland habe die ZEIT kürzlich ein Café eröffnet, erklärt Juliane Leopold und mit dieser „brand extension“ der Community sogar einen physischen Raum gegeben. Allerdings kenne man das Community-System hier zu Lande durchaus schon eine Weile, fügt Leopold hinzu. So sei die Tageszeitung taz als Genossenschaft organisiert und gehöre somit mehreren tausend Individuen anstatt einer Verlegerfamilie oder einem Medienkonglomerat.

Wichtig seien in der Debatte um die zukünftige Finanzierung des Journalismus auch technische Innovationen, die das Bezahlen online vereinfachen.

Neue Trends am Horizont

Obwohl sich viele in der Medienbranche gerade erst auf die neuen Ausgangsbedingungen eingestellt haben, zeichnen sich am Horizont schon schon neue Trends ab. „Neue tragbare Technologien werden in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen“, schätzt die Digitalexpertin Juliane Leopold und meint damit zum Beispiel die iWatch oder andere am Körper getragenen Geräte.

Spannend sei auch die zukünftige Rolle von Internet-Giganten wie Facebook oder Twitter, die bereits heute zu den wichtigsten Weiterverbreitern von Medieninhalten gehören. Werden die Sozialen Medien irgendwann selbst zu Produzenten von Journalismus? Oder steigt Netflix ins Nachrichtengeschäft ein? Immerhin hat die Plattform bereits Millionen User.

Generell sei es sehr schwierig, in der Medienbranche in die Kristallkugel zu schauen, betont Leopold. Man müsse sich mit einer gewissen Planungsunsicherheit abfinden.

Umso wichtiger scheint die Lektion aus der Digitalisierung der letzten 10 Jahre: Verleger müssen flexibel genug sein, das Potenzial neuer Technologien auszuschöpfen und die notwendigen Kompetenzen zu fördern  – und gleichzeitig werden sich auch Journalisten Innovationen gegenüber nicht verschließen können. So vielfältig die neuen Technologien sein werden, so vielfältig und flexibel müssen auch die Organisationsformen sein, die Journalismus möglich machen und finanzieren. Durch einen Mix aus klassischem Medienverlag, öffentlich-rechtlichen Medien, Stiftungen oder auf einer zahlenden Community basierenden Medienorganisation bleibt der Journalismus stabil finanziert. Auch Leser, Hörer, Zuschauer und User werden sich finanziell wieder am Journalismus beteiligen müsssen, wenn sie langfristig die „vierte Gewalt“ ihrer Demokratie sichern wollen.

 

Caroline Haury ist European Affairs Managerin im Europäischen Dialogprogramm