Das demokratische Experiment

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Vor 100 Jahren wurde die erste Tschechoslowakische Republik gegründet. Im Gegensatz zu den anderen nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Staaten fiel sie nicht einem Umsturz zum Opfer. Erst der Einmarsch von Hitlers Truppen beendete die Demokratie.

Wenn am Abend beim „Konzert für die Republik“ im großen Saal des Gemeindehauses in Prag Smetanas Symphonie „Mein Vaterland“ ertönt, wird sich die politische und kulturelle Prominenz für das eine Mal einig sein. Vor genau 100 Jahren, am 28. Oktober 1918, wurde an diesem Ort die Tschechoslowakische Republik als unabhängiger Staat proklamiert. Die Erste Republik wurde die einzige nach dem Ersten Weltkrieg entstandene neue Demokratie, die Bestand hatte – bis Hitler sie von außen zerstörte.

 

Die Demokratie brach in Ungarnschon 1919 unter der Räterepublik Bela Kuns und der darauf folgenden Herrschaft Admiral Horthys zusammen. In Polen verwandelte 1926 Gründungspräsident Józef Piłsudski nach einem Putsch in einer quasi-diktatorisch gelenkte Demokratie; in Italienrissen 1922 Mussolinis Faschisten die Macht an sich. Deutschland fiel spät, 1933, aber dann um so grausamer in die Diktatur des Nationalsozialismus. Am Ende bleiben fast nur noch die alten etablierten Demokratien wie Frankreich, Großbritannien, die USA und de Schweiz bestehen. Und die eben Tschechoslowakei.

 

Auf diese demokratische Tradition ist man heute in der Tschechischen Republik, die sich als der Nachfolgestaat versteht, immer noch stolz. Und tatsächlich kann man die Erste Republik immer noch als Lehrbeispiel betrachten, unter welchen Bedingungen sich Demokratien entwickeln, und woran sie am Ende doch noch scheitern mögen.

 

Drei Faktoren mögen geholfen haben, dass das demokratische Experiment der Tschechoslowakei trotz mancher Schönheitsfehler insgesamt gelang.

 

Der Staat beginnt als Armee

 

Einer der Faktoren mag seinen Ursprung in der Tatsache haben, dass die Tschechoslowakei am Anfang eigentlich so etwas wie eine Armee ohne Staat war. In den letzten Kriegsjahren hatten die alliierten Mächte immer mehr böhmische Gegner des Habsburgerreichs, Deserteure und angeworbene kriegsgefangene Tschechen und Slowaken zu autonomen Truppen formiert.

 

Es gab in der italienischen, der französischen und vor allem der russischen Armee nunmehr eigene Tschechische Legionen. Für die Legionäre in Russland, die (etwa in der Schlacht von Zboróv im Juli 1917) teilweise siegreich gegen eigene Landsleute gewesen waren, stellte sich die Lage mit der Oktoberrevolution völlig neu dar.

 

Die Bolschewisten wollten mit den Mittelmächten einen Frieden um jeden Preis erreichen, was die von Zarenregime und Westalliierten genährten Träume der Legionäre von einem eigenen Staat nur gefährden konnte. Die Westalliierten hatten ein Interesse, dass dies verhindert würde. Die Legionäre wiederum hatten ihre russische Führung verloren. Die neuen Herrscher waren ihre natürlichen Gegner.

 

Die Legion erklärte sich darob kurzerhand – von den Alliierten unterstützt – zu einer autonomen Armee der Tschechoslowaken im Dienste der tschechoslowakischen Exilregierung. Sie kämpfte im Sinne der alliierten Strategie, um Russland wieder zum Kriegseintritt zu bewegen, am besten durch den Sturz der Bolschewisten.

 

Die Kämpfe, die sie mehr oder weniger unwillig in den russischen Bürgerkrieg verwickelten, dauerten bis Anfang 1920, als die Legionäre über Sibirien evakuiert wurden. Für die Alliierten waren sie seit 1918 formell als Kombattanten eines noch nicht existierenden und allenfalls allgemein von ihnen versprochenen Staates anerkannt. Die Tschechoslowakei gehörte schon zu den Siegermächten bevor sie wirklich real existierte. Mit dem Kampf der Legion wurde ein Faktor, der der Tschechoslowakei am Anfang bei ihrer politischen Stabilisierung half, massiv verstärkt, nämlich die außen- und bündnispolitische Sicherung des Landes.

 

Geschickte Bündnisdiplomatie

 

Flankiert wurde das Ganze durch geschicktes Lobbying. Der künftige Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, der mit einer Amerikanerin verheiratet war, einigte in den USA im sogenannten Pittsburgh Agreement vom Juli 1918 die beiden nationalen Unabhängigkeitsbewegungen der Tschechen und Slowaken und sicherte sich geschickt die Unterstützung des US-Präsidenten Woodrow Wilson, für den die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei vom Habsburgerreich ein wesentlicher Programmpunkt wurde.

 

Gleichzeitig bemühte sich Masaryks späterer Außenminister Edvard Beneš im französischen Exil um die Unterstützung der beiden wichtigsten alliierten Mächte, Frankreich und Großbritannien – ein Projekt, das vor allem durch den Einsatz der Legion in Russland unendlich befördert wurde.

 

Diese ungeheuer geschickte diplomatische Absicherung und die vorzeitige Anerkennung als Staat half bei der Konsolidierung der Tschechoslowakischen Republik enorm. Dem Versprechen der Amerikaner, dem Prinzip der allgemeinen nationalen Selbstbestimmung aller Völker zum Durchbruch zu verhelfen, und den Bestimmungen des Versailler Vertrages, der die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei festschrieb, stand die völlige Offenheit der Frage der konkreten Grenzen der neuen Staaten, die sich aus der Zerschlagung der beiden Großreiche Russland und Österreich-Ungarn ergeben. In Versailles war nur die Westgrenze Deutschlands definiert worden, alle Staaten östlich davon führten eine endlose Serie von Kriegen (im Kern war der Weltkrieg hier nicht zu Ende gegangen), die in den nachfolgenden Friedensschlüssen (hier vor allem St. Germain 1919 und Trianon 1920) Schritt für Schritt durch alliierte Schiedssprüche beendet wurden. Polen führte bis 1921 offiziell und inoffiziell Kriege mit jedem Nachbarstaat.

 

Auch die Geburt der Tschechoslowakischen Republik, die heute gerne als ein friedlich-demokratischer Prozess gefeiert wird, verlief am Anfang durchaus blutig. Zusammen mit Rumänien führte man 1919 Krieg gegen Ungarn, bei dem erst die Slowakei als Teilstück erobert wurde. Im abschließenden Frieden bekam die Republik große Gebiete zugesprochen, die kaum von Slowaken, sondern mehrheitlich von Ungarn bewohnt waren. Zusätzlich bekam man noch das hauptsächlich von Ruthenen (Ukrainern) bewohnte Gebiet Transkarpatien zugesprochen.

 

Ähnlich wohlwollend verfuhren die Alliierten bei ihren Schiedssprüchen nach dem 7-Tage-Krieg mit Polen im Januar 1919 um die Grenzziehung im ehemaligen schlesischen Herzogtum Teschen. Auch hier konnte die Tschechoslowakei mehrheitlich von Polenbewohnte Gebiete behalten, die wirtschaftlich wichtig waren – ein eklatanter Verstoß gegen das nationale Selbstbestimmungsprinzip, aber ein Indiz dafür, dass die Tschechoslowakei diplomatisch und sicherheitspolitisch hervorragend eingebunden und abgesichert war. Sie galt als Stütze der Alliierten in Mitteleuropa und beim Kampf gegen den Bolschewismus. Und die Alliierten hatten ein Interesse daran, dass die westgebundene Demokratie im Lande auch lebensfähig blieb.

 

Das Industrieland

 

Der zweite Faktor, der die demokratische Entwicklung förderte und stützte, war ökonomischer Natur. Schon in der Zeit kurz vor dem Weltkrieg stellte Böhmen – das Kernstück der späteren Tschechoslowakei – rund 70 Prozent der Industrie, obwohl es nur ein Fünftel des Gebietes und ein Viertel der Bevölkerung des Habsburgerreichs ausmachte. Böhmen war der reichste und industriell höchstentwickelte Teil Österreich-Ungarns.

 

Dadurch war die Tschechoslowakei die einzige Industrienation unter den neuen Staaten der Post-1918-Ära und, nebenbei bemerkt, reicher als das ehemalige Mutterland Österreich. Das muss man sich vor Augen halten, weil fast sämtliche Staaten, die einen rechtsautoritären oder faschistischen Umsturz durchlebten, der ihre Demokratie beendete, Länder waren, die sich erst am Anfang ihrer Transformation von Agrar- zum Industrieland befanden (Ausnahme war viel später Deutschland). Die Tschechoslowakei konnte es sich daher auch leisten, ökonomisch weniger entwickelte Landesteile wie die Slowakei etwa durch große Strukturprojekte (Eisenbahnbau) zu fördern. Die starke Wirtschaft hielt ein nunmehr recht heterogenes Land zusammen.

 

Moderne Eliten

 

Der dritte Faktor war kultureller Art: Nicht nur die durch die Industrialisierung verstärkten Möglichkeiten hatten zumindest den böhmischen Teil des neuen Staates mit einem gut entwickelten „Humankapital“ ausgestattet. In der Slowakei (mit einer slowakischen Bevölkerung, die zuvor durch die Ungarn bewusst wirtschaftlich und kulturell zurückgesetzt wurde) war hingegen auch die Unabhängigkeitsbewegung stark ländlich und katholisch-konservativ geprägt, was 1939 ihr Überlaufen zu Hitler und die nahtlose Bildung eines eigenen pro-deutschen Vasallenstaates erleichterte.

 

Tschechien ist heute eines der „glaubenslosesten“ Länder der Welt, nur weniger als 20 Prozent der Bevölkerung rechnet sich einer Glaubensgemeinschaft zu. Das ist keinesfalls ein Erbe des Kommunismus, sondern war bereits ein Kennzeichen der Ersten Republik und darüber hinaus tief verwurzelt. Die brutale Zwangskatholisierung des zuvor hussitisch und protestantisch geprägten Landes, die mit der Beendigung der böhmischen Freiheit im Jahre 1620 durch die Habsburger einherging, hatte eine traditionelle Abwendung von Religion an sich zu Folge gehabt. Die tschechischenEliten im böhmischen Teil des Reiches verstanden sich als aufgeklärt und Antikatholizismus wurde im 19. Jahrhundert bei den liberalen Nationalisten im Lande geradezu ein Markenzeichen. Etliche Mitglieder der ersten Regierung der Republik, etwa Außenminister Beneš und Verteidigungsminister Stefanik waren Freimaurer. In der Kultur war moderne Avantgarde angesagt. Kurz: Das Land verfügte tatsächlich über eine Elite, die in der Lage war, das Land in die moderne Demokratie zu führen – ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

 

Problemzone Minderheiten

 

Aber es gab auch schwere Problemzonen im Gebäude der neuen Republik. Die gravierendste war die Frage der Minderheiten. Im Gegensatz zu dem Anspruch, ein Produkt des nationalen Selbstbestimmungsgedankens zu sein, hatten insbesondere die Kriegserfolge von 1919 tatsächlich einen Vielvölkerstaat geschaffen, eine Art Habsburgerreich im Kleinen. Im der Pittsburgh Agreement hatte man den Slowaken zur Abhilfe ein föderatives Staatsgebilde versprochen. Auch den Transkarpatien wurde 1919 eine dezentrale Selbstbestimmung innerhalb der Republik versprochen.

 

In Wirklichkeit wurde von Anfang an ein von den böhmischen Tschechen dominierter Zentralstaat aufgebaut. Man fürchtete, jede föderale Konzession würde nur den Staat destabilisieren. Stattdessen herrschte eine tendenziell paternalistische Grundtendenz vor, dass die Tschechen als kulturelle Vorreiter sich wohlwollend um die Entwicklung der ländlicheren (slowakischen und mährischen) Landesteile zu kümmern hätten. Ein Sonderproblem waren die Deutschen im Lande, die bisweilen als ehemalige „Fremdherrscher“ perzipiert wurden. In der ersten Zeit der Republik kam es zu Übergriffen, später eher zu kleinen „Nadelstichen“. Insgesamt blieben dabei aber die demokratischen Spielregeln intakt. Die meisten Deutschen im Lande wählten die liberale Deutsche Demokratische Freiheitspartei, die die Politik der Republik loyal mittrug.

 

Diese politische Einbindung der Minderheiten gelang nicht nur deshalb, weil das Land viele wirtschaftliche Chancen bot, sondern weil mit Präsident Masaryk eine allseits respektierte Integrationsfigur an der Spitze des Staates stand. Masaryk hatte – mit der Aura des gelehrten Philosophieprofessors – die Unabhängigkeit primär als Freiheitschance begriffen und sich stets von jeglichem tschechischen Nationalchauvinismus distanziert. Der charismatische Präsident konnte damit das Vertrauen der internationalen Verbündeten als auch der internen Minderheiten sichern.

 

Krise und Ende

 

Die Krise kam nach seinem Tod 1935. Die drei Faktoren, die die tschechoslowakische Demokratie gestärkt hatten, brachen zusammen. Zu diesem Zeitpunkt drückte bereits die Weltwirtschaftskrise die Wirtschaft des Landes nieder. Die Katastrophe betraf weniger die böhmischen Schwerindustriegebiete, sondern vor allem die kleinbetriebliche Wirtschaft im sudetendeutschen Teil. Der Kitt, der das Land zusammenhielt, bröckelte. Auch verfügte Masaryks Nachfolger Beneš nicht über das diplomatische Fingerspitzengefühl bei Minderheitsthemen. Es gab antideutsche, aber auch antislowakische Spitzen in seiner Rhetorik, die kontraproduktiv waren – gerne sprach er etwa den Slowaken ab, eine Nation zu sein, was zu seinem unitaristisch-tschechischen Staatsbild passte.

 

Zusammen mit der Wirtschaftskrise und einer aggressiven Propaganda seitens der Nazis führte dies alles dazu, dass sich die Deutschen von der Republik abwandten. Bei den letzten Wahlen wählten rund 90 Prozent der Deutschen im Lande die von den Nazis gesteuerte Sudetendeutsche Partei. Und schlimmer noch: Die bisher als Sicherheitsanker firmierenden westlichen demokratischen Bündnispartner begannen ihr Engagement in Frage zu stellen. Um Hitlers Expansionsdrang zu bremsen, versuchten sie es mit einer Appeasementpolitik (Beschwichtigungspolitik), für die sie nun bereit waren, ihren treuen Bündnispartner Tschechoslowakei im Stich zu lassen.

 

Damit war die dritte Stütze des Staates entfallen. Das Ganze kulminierte im Münchner Abkommen von 1938, in dem die beiden Westmächte Frankreich und Großbritannien die Tschechoslowakei zwangen, große Gebiete des Landes an Hitlerdeutschland abzutreten. Im März 1939 erledigte Hitler auch die „Resttschechei“, ohne dass die Alliierten einschritten. Die deutschen Panzer rollten nun durch die Straßen Prags. Das – vor allem im Kontext der Zeit gesehen – so erfolgreiche Experiment der tschechoslowakischen Demokratie war gewaltsam beendet worden.

 

Es ist schwer, aus heutiger Sicht Lehren aus dem Beispiel der Ersten Republik zu ziehen, was den Erfolg oder Misserfolg von Demokratien angeht, wie es ja überhaupt schwer ist, aus der Geschichte zu lernen. Zumindest die Wichtigkeit der Frage des Umgangs mit Minderheiten und des entsprechenden Staatsaufbaus, aber vor allem die permanente Sicherung der Einbindung in die westliche Sicherheitsarchitektur sind bis heute in vielen westlich-demokratischen Ländern aktuell. Und immerhin eine Sache kann man an diesem Jubiläumstag gewiss feiern: Der Status der einzigen neuen Demokratie, die von sich aus die Zwischenkriegszeit ohne Umsturz überlebt hat, ist bis heute Quelle eines nationalen Stolzes. Und wenn sich Nationalstolz auf dem Stolz auf die Demokratie stützt, ist das ein gutes Zeichen.

 

 

Dieser Artikel wurde am Freitag, den 26. 10. 2018 auf Focus Online veröffentlicht und ist online auch hier zu finden.

 

Dr. Detmar Doering

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit – Tschechien